Mitmachen wollen wir nie

Über Corona-Exzesse und die Sprachlosigkeit der Ideologiekritiker

Eine bange Frage beschäftigte Mitte November die deutschen Medien: Waren „Kinder als menschliche Schutzschilder auf [der] Anti-Corona-Demo in Berlin?“ (rtl.de, 19.11.2020) Einen Tag später wusste der Focus mehr: „,Wir haben jetzt beschlossen eine bunte Kinderfront vorneweg zu schicken. Mit roten Herzluftballons! Achtet morgen auf die roten Herzluftballons in der Nähe vom Bundestag. Dort seid ihr vor Wasserwerfern sicher. Die Kinder werden uns mit ihrem Licht und ihren reinen Herzen beschützen, so wie wir sie vor dem Impfen beschützen‘, mit diesem Post soll eine Gruppe, am Montag in Berlin gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert haben zuvor auf ‚Telegram‘ Teilnehmer dazu angestachelt haben, ihre Kinder mitzunehmen.“ (zitiert wie im Original, Focus online, 20.11.2020)

Menschliche Schutzschilde mit Herzluftballons

Man wusste also nichts. RTL präsentierte genau eine Mutter mit einem Kleinkind, aber ohne Luftballon, die auf zwei wenig spektakulären Fotos als Beweis für den Einsatz menschlicher Schutzschilde herhalten müssen und Focus berichtet ganz atemlos: „Dem Aufruf kamen offenbar einige Eltern nach“, um dann mit ebenfalls genau einem und noch dazu ziemlich großen Kind nachzulegen: „In einem Youtube-Video schildert der 14-jährige Silas aus Berlin, wie er verletzt wurde, als er in der ersten Reihe vor den Wasserwerfern stand.“ Das Video hat sein Vater gedreht, der ihn auch auf die Demonstration mitgenommen hat. Dumm ist nur, dass man eingestehen musste: „Einen roten Herzluftballon hat der 14-Jährige nicht bei sich.“ Macht ja nichts, man kann ja mit einem „aber“ weitermachen: „Aber in Aufnahmen und Fotos sind diese immer wieder zu sehen.“ Das stimmt, nur sind auf den im Netz verbreiteten Aufnahmen keine Kinder zu sehen. Obwohl die „Polizei Berlin auf Anfrage von Focus online eine Kinderfront mit Herzluftballons nicht bestätigen“ konnte und nur konstatierte, dass „immer wieder Kinder zwischen den erwachsenen Demonstrierenden zu sehen gewesen“ seien, wissen wir von Polizeigewerkschaftler Jörk Radek, also einem Polit-Funktionär: „Wir haben hier einen Veranstalter, der bewusst beispielsweise [!] auch [!!] Kinder in die Versammlung mitnimmt“. Das ist schon deshalb schlecht, weil die Kollegen die Demonstranten nicht in toto mit dem harten Strahl der Wasserkanonen wegknallen konnten, sondern „zurückhaltender“ vorgehen mussten, also mit „Wasserregen und nicht über Wasserstöße“ die Menge schließlich zerstreute. rtl.de platzierte zur nachhaltigen Belehrung als Auflockerung des Texts über die menschlichen Schutzschilde ein authentisches Dokument tiefer Betroffenheit von 💙🐧Myri🐧💙(@AceAttorneygirl): „So Dreckseltern gehören die Kinder entzogen 😡 Wer ist bitte so erbärmlich und benutzt sein eigenes Kind als Schutzschild?!“

Als menschliche Schutzschilde werden Menschen bezeichnet, die in kriegerischen Auseinandersetzungen dazu gezwungen werden, sich vor der Front aufzustellen, um den zumeist waffentechnisch und moralisch überlegenen Gegner daran zu hindern, einen weiteren Sieg einzufahren. Man kennt das aus Belgien im Jahre 1914, als das Deutsche Heer sich angesichts unerwartet entschlossener Gegenwehr etwa in Visé hinter belgischen Zivilisten verschanzte, oder aus dem Jahr 1944, als die Wehrmacht auf ihrem Rückzug russische Zivilisten aufstellte, um die Rote Armee am weiteren Vorrücken zu hindern. In jüngerer Zeit sind menschliche Schutzschilde eine islamische Spezialität und waren etwa bei der Hamas und zuletzt dem islamischen Staat anzutreffen.

Feinde ohne Masken

So unangebracht es ist, Kleinkinder, aber auch Jugendliche auf Demonstrationen mitzuschleppen, auf denen es zu Konfrontationen kommen könnte, so ist hier doch die entscheidende Frage, warum deutsche Meinungsmacher auf Analogien mit ganz besonders abscheulichen Kriegs- oder Bürgerkriegsgebräuchen verfallen, wenn vereinzelt Kinder auf Corona-Protesten anzutreffen sind. Was für eine perfide nicht etwa Gegnerin, sondern Feindin müssen sie in der Mutter des ca. einjährigen Kindes erkannt haben, die ihm direkt vor einer Polizeikette am Brandenburger Tor auch noch die Windeln wechselte. Die Empörten erwarten von der Polizei ganz offensichtlich, dass sie wenigstens dann, wenn der Feind ohne Masken keine Kinder dabei hat, mit gezogenem Schlagstock, Reizgas, Blendschockgranaten und dem härtesten Strahl ihrer Wasserwerfer gegen „Coranaleugner“ bürgerkriegsähnlich zu Felde zieht, auf dass kein Auge trocken bleibe und das ein oder andere danach womöglich fehlt. Was die Einsatzkräfte bislang vermeiden, wird ihnen als unverzeihliche Schwäche gegen einen brandgefährlichen Volksfeind angekreidet, der mit allen Mitteln aus der Öffentlichkeit zu entfernen sei. Wobei die Ausübung unmittelbaren Zwangs um der Volksgesundheit willen gar nicht unbedingt Sache der Polizei allein bleiben muss. Die mag zwar informelle Hilfstruppen gar nicht, aber wenn die Zeiten härter werden – und wann dies der Fall ist, bestimmt immer noch der Leitartikel –, dann könnten sich die Träume der schlagenden Verbindungen von der deutschen Antifa, die stets diszipliniert Maske tragen, ja doch noch verwirklichen lassen. Diese Truppen, die vermeintlichen oder wirklichen Rechtsradikalen so gerne am Rande des jeweiligen Demonstrationsgeschehens, wenn diese allein nach Hause gehen, auflauern und dann zusammenschlagen, hätten bei der überwiegenden Mehrheit der Coronagegner leichtes Spiel: Die sind mangels Maske leicht zu erkennen und zudem weder bewaffnet noch jung und kampferprobt. Sie wären auch auf ihren manchmal sehr großen Kundgebungen mühelos angreifbar, in Panik zu versetzen, also schlicht zu vertreiben. Da sie sich weigern, die Nazis unter ihnen aus der Demo zu werfen, zum Teil aus unschönen Sympathien, zum größeren Teil aber mit dem Argument, dass man nicht so leicht verhindern könne, dass sich auch Unsympathen einfinden, ist jeder Coronagegner nach linker Lesart wegen Superspreading in Tateinheit mit Faschismusnähe gesamtverantwortlich und damit ein Ziel für Leute, in deren Reihen Stalinisten, orientalische Antisemiten oder schwulen- bzw. lesbenfeindliche Transgender-Menschen wohlgelitten mitmarschieren. Die Generalermächtigung zum Doppelschlag gegen Rechtsstaat und die Individualrechte auf Versammlungsfreiheit und körperliche Unversehrtheit liest sich dann so: „Am 16.11. haben in Frankfurt linke Gegendemonstranten eine genehmigte Corona-Demonstration zu stoppen versucht und sind, da sie die Straße nicht freigeben wollten, von der Polizei unter Einsatz von Wasserwerfern abgedrängt worden.“ Anstatt zu bedenken, was wohl passiert wäre, wenn die Polizei die rot-schwarzen Aktivisten nicht gestoppt hätte, zieht die FR vom 17.11. stellvertretend für alle billig und gerecht denkenden Maskenträger diese Bilanz: „Was lernen wir aus diesem Samstag? Erst mal sehen, wer gewonnen hat. Das Querdenken-Bündnis konnte auf dem Goetheplatz eine Kundgebung abhalten, wenn auch nicht so ausführlich wie geplant. Die Gegendemo konnte den Zug der Corona-Maßnahmenkritiker ein ums andere Mal stoppen, wenn auch um den Preis harter Auseinandersetzungen mit der Polizei. Letztlich kamen die Querdenker stundenlang nicht in Fahrt.“ Noch schöner freilich wäre es gewesen, wenn die Polizei der alternativen Ordnungsmacht und ihrer effizienteren Gefahrenabwehr gegen rechts einfach das Feld überlassen hätte: „Und die Polizei? Sie hat ihren Auftrag mit dem Wasserwerfer umgesetzt, der da lautet: das Demonstrationsrecht gewährleisten. Das ist immer dann schwer zu ertragen, wenn die Polizei schützt, was viele verletzt. Es ist in diesem Fall besonders deshalb schwer zu ertragen, weil es keinen Zeitpunkt an diesem umkämpften Samstag gab, an dem sich die Querdenker wenigstens überwiegend an das gehalten hätten, was Vorschrift ist: Masken tragen und Abstand wahren. Weil Querdenkern, zumindest vielen von ihnen, nichts wichtiger zu sein scheint als ihre persönliche Freiheit, koste es, was es wolle – und wen es wolle. Um also jene zu schützen, die sich offensichtlich falsch und gesundheitsgefährdend verhalten, übt die Ordnungsmacht Gewalt aus gegen jene, die für das Vernünftige eintreten. Statt kompromisslos die Masken und den Abstand durchzusetzen oder alles sofort zu stoppen, werden die Leute weggesprüht und weggestoßen, die ihren Mund-Nasen-Schutz tragen. Wer dabei war, kann nicht anders, als die Ungerechtigkeit zu beklagen. Üblicherweise endet solch ein Kommentar mit dem richtigen Hinweis, das sei aber der Rechtsstaat, in dem alle demonstrieren dürfen, wofür sie wollen, solange es nicht gegen die Verfassung verstößt. Ein hohes Gut, schließlich gab es in Deutschland schon Zeiten, in denen die Vernünftigen die Minderheit waren. Am Samstag jedoch wäre es schon viel früher plausibel gewesen zu sagen: Diese Querdenker-Versammlung verstößt gegen die Hygieneregeln – sie wird beendet.“ (FR, 17.11.2020)

Wo der Kommentator Thomas Stillbauer noch auf eine enthemmte Polizei setzt, um das Staatsmonopol auf die Ausübung von Gewalt zu retten, erklärt stellvertretend für die Masken-Antifa Egotronic-Vorturner Thorsten Burkhardt seiner Gemeinde, dass es nun endlich an der Zeit sei, staatlicher als der Staat Gewalt gegen Leute auszuüben, die sich offensichtlich falsch, weil gesundheitsgefährdend verhalten. Die stehen nämlich zuvörderst im Verdacht, nicht etwa nur ein Nazi-, sondern schlimmer noch ein Superspreadermob zu sein, der sich zu allem Elend auch nicht an polizeiliche Auflagen gehalten hat: „In Frankfurt hat die Polizei bei einer Demo gegen die Corona-Maßnahmen mit Wasserwerfern durchgegriffen. Also selbstverständlich nicht gegen die Demo, bei der sämtliche Auflagen ignoriert wurden, sondern gegen linke Gegendemonstranten, die versuchten, den Superspreader-Mob zu stoppen. Wer nach wie vor glaubt, dass diese Organisation nur in Einzelfällen Probleme hat, und nicht in Gänze ein Problem ist, möge dieses Video 1312 Male gucken und in sich gehen. #Polizeiproblem #keinfreundkeinhelfer“ (Facebook-Posting, 14.11.2020)

Man fragt sich wer wütender ist, der politisch inspirierte Technokasper oder die Kanzlerin, die beim Online-Digital-Gipfel der Bundesregierung gegen Nicht-Mitmacher austeilte, um für die Beschleunigung des internationalen Konkurrenzkampfes zu werben: „Wo kommen wir da raus? Wo kommt China raus? Wo kommt Südkorea raus? Wenn die allemal viel besser die Masken tragen und nicht so viel ,Querdenker‘-Demos haben, sondern derweil schon wieder wirtschaftlichen Aufschwung, dann fragt sich, wo Europa landet nach dieser Pandemie.“ (Welt, 2.12.2020)

Wer nicht mehr leben soll

In Bayern heißt die Band, die der Coronaschutz-Gemeinschaft zum Superspreader-Bashing aufspielt, nicht Egotronic, sondern CSU und das mitwippende Partyvolk sind z.B. die Bürger von Garmisch-Partenkirchen. Dort soll Mitte September eine 26-jährige Touristin aus − natürlich − den USA trotz erwiesener Ansteckung fröhlich durch die Kneipen gezogen sein und je nach Quelle mal über 50, mal nur 39 Leute mit dem Virus infiziert haben. Einen „Musterfall [!] für Unvernunft“, der „Konsequenzen haben“ müsse, erklärte Ministerpräsident Söder und plädierte für „entsprechend hohe Bußgelder“. Innenminister Hermann brachte sogar Schadensersatzforderungen ins Spiel, und die Staatsanwaltschaft München nahm wegen des Verdachts auf fahrlässige Körperverletzung Ermittlungen auf. (BR, 14.9.2020) Aus britischen Zeitungen erfuhr man zwei Tage später, dass die Amerikanerin mit bis zu 10 Jahren Haft zu rechnen habe und mit Schadensersatzforderungen von mehreren hunderttausend Euro. Die Frau hatte noch einmal Glück. Bereits am 17.9. konnte die ARD im „Faktencheck“, der ausnahmsweise auch mal für etwas gut war, nachweisen, dass ihr nicht eine Infizierung Dritter zuzuschreiben sei, dass sie keine Touristin, sondern Angestellte eines Hotelbetriebs der in Garmisch stationierten amerikanischen Streitkräfte war, dass sie keine Kneipentour gemacht haben konnte, weil diese ja geschlossen waren, sondern in genau einem Restaurant gesessen habe und ein positiver Befund zu diesem Zeitpunkt genauso wenig vorgelegen hatte wie eine Quarantäneanordnung. Es wurde also noch einmal ruhig in Garmisch. Man nehme aber einmal an, die Amerikanerin hätte sich doch regelwidrig verhalten und andere infiziert und das am Ende gar wegen irgendwelcher Zweifel an der Gefährlichkeit, ja dem Vorhandensein einer Pandemie überhaupt. Dann kämen für den Fall, dass sie selber schwer am Virus erkranken würde, nicht zuerst antideutsche Masken-Kampfbündler oder Söders bodenständige Kerntruppen über sie, sondern Ärzte, die sie durch die Verweigerung intensivmedizinischer Behandlung dem Tod aussetzen würden. Das wäre das Schicksal jedes fahrlässigen oder gar schuldhaften „Coronasünders“, wenn es nach dem Schweizer Willy Oggier ginge, der den hässlichen und überflüssigen Beruf Gesundheitsökonom ausübt. Zur Freude der deutschen Medien hatte Oggier in einer Schweizer Tageszeitung den „radikalen Vorschlag“ gemacht, „Corona-Skeptiker sollten bei Engpässen nicht auf der Intensivstation behandelt werden.“ „,Wer angezeigt wird, weil er die Abstand- und Hygieneregeln mutwillig missachtet, soll die Verantwortung für sein Handeln tragen. Ich schlage vor, dass diese Personen namentlich erfasst werden und im Zweifelsfall kein Intensivbett erhalten. Ganz nach dem Verursacherprinzip.‘ Ihm ginge es nicht um eine Bestrafung, sondern um eine Entscheidungshilfe für Ärzte, falls sie Patienten priorisieren müssten. ‚Corona-Skeptiker verwirken ihr Recht auf ein Akutbett oder einen Intensivplatz, falls es zu Engpässen kommt‘, sagt Oggier. Er fände es fairer, wenn der selbst ernannte Corona-Rebell das Nachsehen habe, als wenn es einfach den ältesten Patienten im Raum träfe. Die Signalwirkung einer solchen Regelung würde Oggier begrüßen. ‚Man kann die Leute nicht nur mit Boni locken, oft braucht es auch einen Malus, damit das System funktioniert’“. (Welt, 23.11.2020)

Die radikalen Vorschläge in radikalisierten Zeiten sollen also nicht mehr nur auf die Dokumentation eines die gesundheitliche Versorgung empfindlich einschränkenden Malus’ für Raucher oder adipöse Menschen hinauslaufen, den Gesundheitsökonome schon seit langem fordern. Im November 2020 geht es konsequent weitergedacht darum, einmal ganz radikal darüber nachzudenken, ob man vorab penibel erfasste Angehörige des Superspreadermobs nicht gleich einer Triage ausliefern sollte, die bei Versorgungsengpässen nicht mehr die Überlebenschancen der Erkrankten bei der Vergabe von Intensivbetten im Auge hat, sondern Leute dem Tod ausliefert, weil sie es wegen charakterlicher Mängel nicht verdienen zu leben.

Permanentes Gamechanging

In diesem Land, dessen regierendes, die Meinung verwaltendes oder antifaschistisches Staatspersonal im Umgang mit einer Epidemie, deren ungeheure Gefährlichkeit sie umso sturer behaupten, je unbekümmerter sie zum Teil ganz offensichtlich sinnlose Verbote heraushauen, ist die Eskalationsampel längst auf Tiefrot gesprungen. Angefangen mit den erneuten Schließungen von Theatern und Kinos, über die Verlegung des gesamten Universitätsbetriebs auf Online-Vorlesungen und Seminare, die den Schülern qua Maskenpflicht angetanen Quälereien, ergänzt um die dauernd drohende Klassen- oder gar Schulquarantäne, die Unerreichbarkeit des Behördenpersonals, bis hin zu den Alkoholverboten in Parks und auf Plätzen und den jedes Maß übersteigenden Besuchsverboten in Wohnungen, wird unverdrossen der Ausnahmezustand verschärft und verstetigt. Die politisch-mediale Elite und das Milieu, das sie vertritt, haben es fertiggebracht, einen objektiven und immerhin ernsten Sachverhalt, nämlich die Gesundheitsfürsorge angesichts eines neuartigen und gefährlichen Virus’, exakt so zu behandeln wie eine jener aufgebauschten bis imaginären Bedrohungen – vom „menschengemachten“ Klimawandel über den „Rassismus“ und „die Rechten“ bis hin zur „toxischen Männlichkeit“ –, die als Vorwand dafür herhalten, den krisenhaften Zerfallsprozess der Gesellschaft durch die Produktion von Panik zu beschleunigen, auf dass sich alle im ewigen Notstand einrichten. Noch im März verzehrte sich der Erweckungsprediger Harald Welzer in einem Interview für den Rundfunk Berlin-Brandenburg – frei nach Freud – in Corona-Neid: In der Klimapolitik sei alles „total kompliziert“, man müsse „auf alle Rücksicht nehmen“, während Politiker ständig darüber reden würden, „dass man den Menschen nichts vorschreiben kann“ und es keine Öko-Diktatur geben dürfe. Aber er sah schon Hoffnung keimen, denn „die Corona-Story“ sei „eine Lerngeschichte allererster Güteklasse, Flugzeuge bleiben am Boden, Massenevents bleiben aus“. Bereits im Mai hatte sich die neue Strategie – Klimapolitik vermittels Coronapolitik durchprügeln – eingespielt und in diesem Sinne konnte der ARD-Chefredakteur Rainald Becker in einem „Tagesthemen“-Kommentar dekretieren: „Es wird keine Rückkehr zur Normalität geben“ und alle, die das fordern, als „Wirrköpfe“, „Spinner“ und „Corona-Kritiker“ abstempeln, weil sie einem höheren Ziel im Weg stehen: Denn nach der Corona-Krise müssten „Lebensstile, Konsumverhalten und Wirtschaft grundlegend“ verändert werden. Und der Landeschef der bayerischen Grünen gab knapp zwei Monate später seiner Corona-Freude gleichsam viralen Ausdruck, als er beim Internet-Parteitag der bayerischen Grünen meinte, „Krisenschocks könnten helfen, Reformwiderstände zu überwinden und notwendige ‚Pfadwechsel‘ einzuleiten […] Corona könne also ein regelrechter ‚Gamechanger‘ sein.“ (Welt, 11.7.2020)

Wer hätte in der systematischen Produktion von Panik, im Delegitimieren und Denunzieren jeglicher „Normalität“ seit mittlerweile einigen Generationen einschlägigere Erfahrungen gesammelt als das linke Aktivisten-Gewerbe, das den Kampf gegen Nazis und „Klimaleugner“ nun gegen „Coronaleugner“ fortsetzt, ohne beim Fronteinsatz an den anderen Frontabschnitten nachzulassen? Sie agieren als die Freiwilligenverbände der offiziellen Politik und der Medienmeute, die sich ihrerseits die Konzepte der Aktivisten zu eigen gemacht haben und sie nach Kräften protegieren, auf dass der Nachwuchs gesichert sei. Der von den Verantwortlichen angeschlagene Ton der paternalistischen Ermahnungen eines infantilisierten Volks, die mit wilden Drohungen gegen „Uneinsichtige“ und noch mehr Verboten für alle ergänzt werden, ist deshalb immer auch der von linken „Widerstands-Aktivisten“, die die aktuellen Staatsziele sich kompromisslos zu eigen machen, um sie dann überzuerfüllen. Im Umgang mit Nazis oder wen immer sie dafür halten, standen sie den Ideen eines Willy Oggier immer schon nahe.

Kinder nach vorn!

Nichts ist erfreulich an den Verlautbarungen von Corona-Demonstranten, die es nicht lassen können, pauschal zu leugnen, was von Politik und Medien zwar maßlos übertrieben und fälschlicherweise zu einer allgemeinen tödlichen Bedrohung hochstilisiert wird, aber faktisch existiert: eine Infektionskrankheit, die hauptsächlich für ältere Menschen gefährlich ist. Aber eine Bedrohung sind Leute, die im Freien demonstrieren, eben nicht, weder für die Gesundheit noch für die Demokratie. In ihrem Irresein, das so leidenschaftlich als Verschwörungstheorie in Kombination mit Körperverletzung oder gar Totschlag, auf alle Fälle aber als gemeinschaftsschädigender Angriff auf uns alle verteufelt wird, nehmen sich Coronagegner und die Repräsentanten des herrschenden Mitmachens wenig. Nur haben die einen weder Macht noch Ansehen, weshalb sie als Volksfeinde abgestempelt werden können und mit Konsequenzen zu rechnen haben, während zur Lockdowngemeinde alle gehören, auf die es ankommt. Das sind übrigens die gleichen, die auf dem scheinbar ganz anderen Feld des Klimaschutzes, ohne mit Widerspruch von „Klimaleugnern“ noch rechnen zu müssen, die Definitionsmacht darüber, was „uns alle“ noch aus der bevorstehenden Katastrophe herausführen könnte, erobert haben. Die gesamte Intelligenz, d.h. Leute, die wegen ihrer Privilegien die Muße gehabt hätten, kritisches Denken zu lernen; die so frei sein könnten, nicht jeden Stuss von oben oder aus den sozialen Medien für voll zu nehmen und genug Kraft haben sollten, ihren Verdruss nicht in Erweckungsbewegungen aufgehen zu lassen – dieser Menschenschlag zweifelt nicht, streitet nicht und lässt noch nicht einmal die Ahnung bei sich zu, dass die mit solcher Vehemenz, Unduldsamkeit und durch staatliche Intervention permanent befeuerte Seuchen- und Klimaschutzgemeinschaft Deutschland totalitäre Züge aufweist und schon deshalb zu einem guten Teil auf Unwahrheit aufgebaut sein könnte. Solcher Zweifel käme Angehörigen der deutschen Intelligenz nicht in den Sinn, sie sind auf Harmonie bedachte Menschen, die weder egoistisch immer nur an sich denken, noch immer an allem spitzfindig herumnörgeln wollen, wenn es um unsere gemeinsame Zukunft geht. Sie tun alles dafür, damit ihre Kinder nicht dem Weltuntergang ausgesetzt werden, weshalb sie sie einem ideologischen Superspreading für die gute Sache aussetzen, gegen das eine Impfung derzeit nicht in Aussicht steht.

Den Kindern der Intelligenz ergeht es nicht besser als Silas (14), der im November in Berlin in vorderster Linie vor den Wasserwerfern stand. „Als er erzählt, warum er sich der Demonstration angeschlossen hat, schweift sein Blick immer wieder rechts an der Kamera vorbei. Dort steht sein Vater, der seinen Sohn später im Video auch an Situationen aus der Demo erinnert, die Silas dann aufgreift. Zum Schluss des Interviews sagt der Youtuber aus der Corona-Leugner-Szene: ‚Super, hast du gut gemacht, mein Lieber.‘ Silas lächelt erleichtert.“ (Focus, 20.11.2020) Das kommt einem bekannt vor. Im letzten Jahr war es weniger der Videos drehende Vater als die zuständige Mutter vom lokalen Energiewende-Verein, die irgendwelche 14-Jährigen und häufig noch viel jüngere Schüler auf die Bühne stellte, wo sie dann vom Lokalfernsehen gefilmt die infantilen Dämlichkeiten von Erwachsenen aufsagten und ganz sicher keine kindlichen Weisheiten von sich gaben, die es nicht gibt.

Stärkstes Ausdrucks- und Druckmittel der Klimanotgemeinschaft, an deren Notwendigkeit so recht keiner glauben kann, ist genau das, was man den „Coronaleugnern“ so leidenschaftlich vorwirft: der massenhafte Einsatz von kraft unschuldigen Herzens die Wahrheit verkündenden Kindern und Jugendlichen. Während von den angeblich als menschliche Schutzschilde missbrauchten Kindern auf sogenannten Corona-Leugner-Demonstrationen wenig zu sehen ist und von Kinderblocks keine Rede sein kann, obwohl viele Teilnehmer wahrscheinlich genau davon träumen, geht beim Klimaschutz ohne Kinder gar nichts. Eigentlich müsste ganz selbstverständlich gelten, dass Kinder oder 13- bis 16-jährige Jugendliche auf Demonstrationen nichts zu suchen haben und schon gar nicht als geschlossene Formation oder als Versammlungsredner – egal worum es geht. Sie hätten als Schutzgenossen des Rechts, das man ihnen im Zweifelsfall eben oktroyiert, von den Veranstaltungen der Erwachsenen ausgeschlossen zu bleiben. Sie hätten ein Recht darauf, nicht eingespannt zu werden in Aktivitäten, von denen sie nichts oder viel zu wenig verstehen, denn nichts ist übergriffiger, als Kinder als Staffage zur Erzeugung von Betroffenheit zu verwenden, damit die „Inhalte“ auch dann noch rüberkommen, wenn das Interesse anders nicht aufkommen will. Wer sich seine menschenfeindliche Botschaft von Kindern und Stimmbrüchigen bestätigen lässt und das jämmerliche Gestotter oder altkluge Aufsagen von in jedem Fall zur Ideologie geschrumpften Sprüchen aus Schule und Elternhaus als lautere und unverbildete Wahrheit präsentiert, der geht offensichtlich mit der Lüge hausieren und handelt als Unmensch, indem er Schutzbefohlene vorsätzlich hysterisiert und als Kinderkreuzzügler aufmarschieren lässt.

Im Großraum München, jener platten und gnadenlos von Schlafstädten zersiedelten Landschaft, in der in jedem zweiten Briefkasten die Süddeutsche Zeitung landet; in diesem Weichbild einer Großstadt, in der es vor Verboten wimmelt und brachiale Mountainbiker und Jogger täglich das Recht des Stärkeren durchsetzen; in dieser Eigenheim-Vorhölle des deutschen Medien- und Hightech-Paradieses finden, wegen Corona zum Glück unterbrochen, Veranstaltungen statt, die alles in den Schatten stellen, was von Corona-Muttis und Vatis ausgeht: „Auf der Bühne trug die 17-jährige Emily Kura aus Söcking selbst gedichtete Verse gegen den Klimawandel vor. Die Schülerin hat bereits den Poetry-Slam des hiesigen Energiewendevereins gewonnen. Dann rief Moderatorin Sara Kruppert alle Kinder auf die Bühne, die ein Plakat dabei hatten. Nachdem die Mädchen und Buben ihre Anliegen präsentieren durften, kam es zum Höhepunkt des Nachmittags. Klimaexperten mussten sich den Fragen und Anliegen der Kinder stellen: ‚Warum gibt es Plastik?‘, ‚Warum werden so viele Bäume gefällt?‘ ‚Wie viele Elektroautos gibt es?‘, ‚Wie läuft eine Klimakonferenz ab?‘ Die Vertreter von Stadt, Landratsamt, Bund Naturschutz und WWF versuchten zu antworten, ohne die Kinder mit großen Zahlen oder Statistiken zu verwirren. Zum Dank bekamen sie eine bienenfreundliche Pflanze für zu Hause geschenkt.“ (SZ, 19.5.2019) Und so werden sie öffentlich zu Deppen gemacht: „Linnea Heintze, 9, Schülerin der Montessorischule in Gilching mit Mutter Andrea: ‚Ich bin heute mit meiner ganzen Klasse hergekommen, weil auch wir etwas für den Schutz des Klimas tun möchten. Das ist mir sehr wichtig, weil ich möchte, dass wir Menschen noch lange auf der Erde leben können und eine Zukunft haben. In der Schule versuchen wir deshalb, auf Plastikverpackungen und -tüten zu verzichten. Zu Hause mache ich das auch. Meine Familie kauft auch viele Bio-Lebensmittel.’“ Oder „Justus Weber, 10, Schüler der Grundschule Söcking: ‚Ich finde es gut, dass es auch bei uns so eine Veranstaltung gibt. Ich finde, dass jeder etwas für den Umweltschutz machen sollte. Auch ich versuche, die Umwelt zu retten. Um Strom zu sparen, mache ich zum Beispiel immer das Licht aus, wenn ich aus dem Raum gehe. Ich versuche auch Wasser zu sparen, indem ich nicht so lange dusche. ‚Fridays for Future‘ finde ich super, weil wir unsere Erde viel mehr schützen sollten.’“ Oder „Tanja Zehentmeier, 15, Schülerin der Realschule in Herrsching: ‚Ich finde, dass man jetzt etwas für unsere Zukunft tun muss, weil wir dafür nicht mehr ewig Zeit haben. Man sieht ja, wie viele Umweltkatastrophen in der vergangenen Zeit passiert sind, und das darf nicht so weitergehen. Zu Hause achten meine Familie und ich sehr darauf, dass wir Plastik sparen, seit kurzem kaufen wir auch viele Bio-Produkte. Ich finde das sehr wichtig und engagiere mich deshalb auch für Fridays for Future.’“

Der Mittelstand dreht durch, die Kritiker schweigen

Hinter den unwürdigen Auftritten in Söcking und Gilching steht die an die Kinder durchgereichte Panik ihrer Eltern nicht vor dem Klimawandel, sondern vor der eigenen Lebensbilanz, die sie im medialen und selbstveranstalteten Weltuntergangsgedröhne nur übertönt wissen wollen. Seit dem Februar 2020 dürfen sie ihre Panik nun direkt ins Kinderzimmer verlegen, wo sie einfühlsam erklären, dass der Tod ums Eck lauere und schon bald die noch vor einem Jahr als „Umweltsau“ geschmähte Oma holen könnte. Deshalb kann man jetzt endlich angehen, wovon man immer schon geträumt hat: die Kinder ganz einsperren – mit deren Zustimmung, versteht sich –, um einen gegen außen abgedichteten Raum zu schaffen, der gesellschaftlichen Zwang als freiwilligen Selbstschutz aushaltbar erscheinen lässt. Panik und Aggression gegenüber möglichen Schädigern draußen liegen nah beieinander und lassen scheinbar ganz umgängliche Menschen gegen mit Kind demonstrierende Mütter nach dem Jugendamt rufen und den spinnerten Kollegen beim Chef anschwärzen. Doch die Erfüllung der geforderten Sanktionen wird die Feindseligkeit nicht beenden, sie kann nur radikalisiert werden. Deswegen erwartet der Eigenheimbesitzer den effektiven Coronaschutz vom Notstandsstaat und seinen Agenturen, und der liefert mal ganz aktiv Superspreaderinnen in Garmisch, dann wieder medial menschliche Schutzschilde in Berlin oder per Arbeitsgericht Kündigungen wegen Corona. Anfang August 2020 wurde dem Basketballspieler Joshiko Saibou wegen „Verstößen gegen Vorgaben des laufenden Arbeitsvertrags als Profisportler“ fristlos gekündigt, weil er bei einer Corona-Demonstration vorsätzlich gegen die Schutzregeln verstoßen habe und ein „permanentes Infektionsrisiko“ darstelle. Das Arbeitsgerichtsverfahren endete mit einem Vergleich, der den Verlust des Arbeitsplatzes bestätigte. Und da Kinder immer noch recht vertrauensvoll sind, dürfte der Hinweis unter Klassenkameraden auf Gepflogenheiten im Elternhaus bei anderen Eltern schnell die Runde machen. Wenn ruchbar wird, dass Anna im November 2020 Kindergeburtstag mit Personen aus vier verschiedenen Haushalten gefeiert hat, dürfte die Anzeige bei der Klassenlehrerin und ein peinliches Elterngespräch, bei dem zur Strafe gleich zwei Wochen Quarantäne verhängt werden, die Folge sein.

Corona macht auch jene Klugen dumm, die sich weder dem Notstandsstaat noch seinen (Impf-)Gegnern anschließen wollen. Denn die Kritiker sind seit einem Jahr ganz verstummt, als ob jenseits einer Epidemie, zu der sie sich nicht äußern, sich nichts ereignet hätte. Komplett verstummt ist auch die Staatskritik, die als scheinradikales Gerede über die dringend gebotene Abschaffung des Staates im virtuellen Universitätsseminar weitergepflegt wird, während jenen, die scheinbar jenseits der Seminare den Kommunismus hochhalten, wenig bis gar nichts einzufallen scheint, wenn es um die sich radikalisierende Regierungspraxis geht.

So lästig die nicht enden wollenden Schließungen von Cafés und Kneipen sind, so albern ist der obstinate und verlogene Verweis darauf, dass dort sich Kritik überhaupt erst entfalte. Dagegen wäre einzuwenden, dass in Kneipen etc. sich höchstens die Kontakte anbahnen lassen, die anderswo produktiven Austausch erst ermöglichen. In immerhin noch nicht wirklich totalitären Zeiten kann als Kritiker überdauern, wer das mit anderen tatsächlich will. Der Hass auf das Bestehende müsste handlungsleitend sein, ein Hass, der sich die allgemeine Schimpf- oder Klage-Haltung wegen des Virus’ gerade nicht zu eigen macht, sondern auch im Ausnahmezustand vom Hass ausgehend Kritik vorantreibt. Sich wo auch immer, und sei es klandestin, zu treffen – und auf Zusammenkünfte von Mensch zu Mensch ohne Zoom oder Skype kommt es an –, das wäre ohne zu große Mühe zu organisieren, wenn man es nur wollte.

Redaktion Bahamas (Bahamas / 2021)