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Über die Integration der Vertriebenen in die Berliner Republik

Als der damalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) im Jahr 2006 „die Vertriebenen aus dem heutigen Tschechien“ ausdrücklich dazu ermunterte, „sich ein eigenes Museum zu bauen“ (faz.net, 31.10.2020), war an die unmittelbare Realisierung eines solchen Vorhabens kaum zu denken. Tatsächlich hat es 14 Jahre gedauert: Am 12. Oktober 2020 meldete die Onlineausgabe der FAZ, dass „75 Jahre nach der Nachkriegsvertreibung von Deutschen aus Ostmitteleuropa“ nicht nur ein Museum in München eröffnet werden sollte, sondern auch in Berlin und im tschechischen Ústí nad Labem. Den Auftakt für die drei Gründungen bildete ein Festakt zur Eröffnung des Sudetendeutschen Museums in der bayerischen Landeshauptstadt, die im Beisein von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) stattfand. Das imposante Gebäude verspreche, hieß es aus diesem Anlass, „nichts Geringeres und nichts Größeres als das Erlebnis namens Heimat“ und gilt als „ein weltweit einzigartiges Haus, das die Geschichte, Kultur und das Schicksal der Volksgruppe beleuchtet“ (sueddeutsche.de, 12.10.2020), mithin als ein „Leuchtturm-Projekt“. (br.de, 12.10.2020) Ein derartiger medialer Überschwang mag zunächst angesichts der Tatsache verwundern, dass in der alten Bundesrepublik dem Thema Vertreibung und dessen exklusiver Beackerung durch die entsprechenden Verbände der Stallgeruch des Geschichtsrevisionismus und Revanchismus anhaftete. Während die Verbandsfunktionäre in den 1950er Jahren aufgrund ihres Anknüpfens an den deutschen Opfermythos einen vergleichsweise großen politischen Einfluss besaßen, wurden diese in Folge der Entwicklung der Neuen Ostpolitik, die mit der Kanzlerschaft Willy Brandts aufs Engste verknüpft ist, aus außenpolitischen Erwägungen heraus als lästig empfunden.

Der große Zusammenhang

Ausgerechnet das Selbstverständ­nis der Berliner Republik als Vergangenheits­bewältigungswelt­meister und die damit verbundene geschichtspolitische Runderneuerung sorgten jedoch für eine „wachsende Resonanz des Vertreibungsthemas in Kultur, Medien und Belletristik im vereinten Deutschland.“ (1) Denn „in den 1990er Jahren weitete sich der Blick der deutschen Gesellschaft auf die eigene Geschichte. Dies führte einerseits zu kritischen Auseinandersetzungen mit der Rolle der Wehrmacht im Vernichtungskrieg und zum Bau des Denkmals für die ermordeten Juden Europas im Zentrum Berlins. Gleichzeitig wurde aber auch wieder stärker an die eigenen Verlusterfahrungen erinnert.“ (2) Fortan sollte die „Alternative zwischen einem reuigen Deutschen, der die Vertreibung als Strafe für die Verbrechen des Hitler-Regimes akzeptiert, und einem Ewiggestrigen, der das Leiden der Nachkriegszeit vor sich herträgt, um über die Schuld der Kriegszeit nicht zu reden“ (3), der Vergangenheit angehören, sodass „sich das Bekenntnis zu deutscher Schuld und die Trauer über das deutsche Leid nicht (länger) widersprechen müssen“ (4). Zusätzlich wurde den Vertretern der sogenannten Heimatvertriebenen bedeutet, dass ihr Kerngeschäft fortan „in einem größeren Zusammenhang betrachtet“ (5) werden würde. Ein Zeugnis dieses Paradigmenwechsels ist die 2008 durch einen Beschluss des Bundestages gegründete Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung (6) mit Sitz in Berlin, wo im Sommer 2021 das gleichnamige Dokumentationszentrum seine Pforten öffnen soll. In der Konzeption für die Arbeit der Stiftung wird der „größere Zusammenhang“ darin ausgemacht, dass diese „das Schicksal der Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen thematisieren (wird), die aufgrund von Kriegen, nationalen Konflikten und Diktaturen während des 20. Jahrhunderts in Europa ihre Heimat verloren und Schreckliches an Leib und Seele erfahren haben.“ (7)

Das Modell einer aus dem Haushalt des Kulturstaatsministeriums finanzierten Stiftung unter Trägerschaft des Deutschen Historischen Museums resultiert aus den Auseinandersetzungen um das von der ehemaligen Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen (BdV) Erika Steinbach vorgeschlagene und protegierte Vorhaben für ein Zentrum gegen Vertreibung. Gegen ein solches Zentrum unter Federführung des BdV wurden jedoch Bedenken geäußert. Schließlich müsse ein derartiges Projekt „von jedem Verdacht frei sein, dass (dieses) irgendetwas mit Revanchismus zu tun habe, dass da die Deutschen von ihrer Schuld am Zweiten Weltkrieg, an Naziverbrechen, an Vertreibungen befreit würden“ (faz.net, 2.12.2014), so der damalige Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD). Zwar hatten zu diesem Zeitpunkt die Vertriebenenverbände ihre „extrem deutschnationale und zum Teil nationalsozialistische Grundbeeinflussung“ (faz.net, 19.11.2012) der Gründungsphase längst überwunden. Das hinderte Erika Steinbach jedoch nicht daran, bei jeder Gelegenheit zu betonen, dass „Vertriebene […] das Recht (haben), in die Heimat zurückzukehren.“ (faz.net, 6.7.2014) Derartige Positionen irritierten nicht nur die polnische Öffentlichkeit, sondern ließen in Deutschland Zweifel aufkommen, ob Steinbach den „Geist der Versöhnung“ und die „Kontinuität der Verständigungspolitik“ (www.bundesregierung.de) glaubhaft würde verkörpern können, da gerade sie die Vermutung bestätige, dass sich die Vertriebenenverbände nur halbherzig vom „deutschnationalen Ballast“ (faz.net, 31.10.2020) losgesagt hätten. Angesichts dieser ungeklärten Frage verwundert es nicht, dass das Stiftungsmodell eine realistische Möglichkeit zu bieten schien, um die Berufsvertriebenen in die Schranken des „größeren Zusammenhanges“ zu verweisen. Tatsächlich wurde mit der Gründung der Bundesstiftung „die Geschichte der Vertriebenen auf institutioneller Ebene in das kulturelle Gedächtnis des vereinigten Deutschlands integriert und explizit in den Kontext einer auf Verständigung und Versöhnung ausgerichteten Kulturarbeit gestellt.“ (8) Die faktische Neutralisierung unliebsamer Vertriebenenfunktionäre zeigte auch insofern Wirkung, als Steinbachs markige Sprüche selbst im BdV nicht mehr unumstritten waren. Folgerichtig kristallisierte sich auch in der traditionell vertriebenenfreundlichen CDU immer mehr heraus, dass Steinbach „mit ihren immer rechteren Positionen und ihrer Dauerkritik an Angela Merkel schon lange in der Partei und auch in der Unionsfraktion isoliert“ (zeit.de, 16.1.2017) war, mithin „eine Mehrheit die Positionen der BdV-Hardliner nicht mehr teilt und sie als lästig empfindet.“ (tagesspiegel.de, o. D.) In der Konsequenz zog sie sich nicht nur vom Vorsitz des Bundes der Vertriebenen zurück. Die ehemalige menschenrechtspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Fraktion verließ ebenso ihre Partei infolge der Einsicht, dass diese für „Konservative, gar Rechtskonservative oder national Denkende“ (zeit.de, 16.1.2017) keine politische Heimat mehr darstelle.

Auch wenn sich der direkte Einfluss Steinbachs auf die Stiftungsarbeit minimierte, gab es ein internes Problem. So sorgten zwei ehemalige Mitglieder des Stiftungsrates für Kritik, da sie sich gegen Entschädigungszahlungen an Zwangsarbeiter aussprachen und die Ursachen des Zweiten Weltkrieges in der Politik Polens und Großbritanniens verorteten. (faz.net, 13.11.2014) Mit Manfred Kittel wurde ein Stiftungsdirektor berufen, der 2007 angesichts des schwindenden Einflusses der Vertriebenenfunktionäre und der Ostpolitik Brandts von einer zweiten „Vertreibung der Vertriebenen“ nach 1945 sprach. (deutschlandfunk.de, 20.11.2014) In der Vergangenheit hatte Kittel „durch gegen den Zeitgeist verstoßende Studien etwa zur Vergangenheitsbewältigung nach 1945 auf sich aufmerksam gemacht“ (welt.de, 16.12.2014), woraufhin seine Amtszeit vom Vorwurf begleitet war, er weise zu viel Nähe zum „deutsch-völkischen Geschichtsbild des Bundes der Vertriebenen“ (juedische-allgemeine.de, 18.11.2013) auf. Konkret bezog sich die Kritik auf zwei Ausstellungen, bei denen er unter Umgehung des Wissenschaftlichen Beraterkreises „den historischen Kontext der Vertreibung zu wenig berücksichtigt“ (faz.net, 31.10.2020) hatte, woraufhin Kittel auf „eigenen Wunsch“ (welt.de, 16.12.2014) das Gremium verließ. Der Umgang mit diesen beiden Personalien macht deutlich, dass die geschichtspolitische Definitionsmacht sich endgültig gegen den Revanchismus und Revisionismus alter Schule entschieden hat. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass von der Charta der Heimatvertriebenen aus dem Jahr 1950 nicht viel mehr geblieben ist als „die Schaffung eines geeinten Europas“ (9) und die Diagnose, dass es sich beim „Schicksal der deutschen Heimatvertriebenen wie aller Flüchtlinge“ um „ein Weltproblem“ (10) handele, womit die Anschlussfähigkeit an den Zeitgeist sichergestellt wurde. Demzufolge kam als Standort für das Ausstellungs-, Dokumentations- und Informationszentrum nur das für Aufbruch und vermeintlichen Fortschritt stehende Berlin in Frage. Denn „aufgrund seiner geographischen Lage, historischen Bezüge, politischen Funktion und zahlreichen Gedenkstätten“ sei die Bundeshauptstadt „ein besonders geeigneter Ort, um die Themenfelder der Stiftung zu behandeln.“ (11)

Stammeskunde

Die Eröffnung des Sudetendeutschen Museums in München hingegen ist dem historischen Umstand geschuldet, dass sich fast die Hälfte der Sudetendeutschen nach Kriegsende in Bayern ansiedelte. (sueddeutsche.de, 12.10.2020) Eine nach heutigen Maßstäben ausgeprägte Willkommenskultur gab es damals nicht, jedoch hatte sich auch im eben besiegten Reich herumgesprochen, „dass die Deutschen aus den böhmischen Ländern ein Volk voll Schaffenskraft und Erfindergeist waren.“ (faz.net, 12.10.2020) So gehen der erste Gartenzwerg und das längste Motorrad der Welt auf deren schöpferische Kreativität zurück. Für das Tagesgeschäft zwar untauglich, aber als Investition in die Zukunft sollte sich der Umstand erweisen, dass der ideelle deutsche Gesamtantifaschist Oskar Schindler (br.de, 12.10.2020) sowie ein „im böhmischen Winterberg gedruckter Koran im Miniaturformat“ (faz.net, 12.10.2020) das Leistungsportfolio vervollständigten. Doch zunächst waren hard skills gefragt und so „trugen die Sudetendeutschen durch Leistungs- und Anpassungsbereitschaft erheblich zum Wirtschaftswunder bei“ (deutschlandfunk.de, 22.10.2020), ohne „auf ihre Geschlossenheit und Eigenart zu verzichten“ (ebd.), wie der ehemalige bayerische Ministerpräsident Alfons Goppel (CSU) feststellte: „Wir bezeichnen sie deshalb nicht ohne Stolz und in aufrichtiger Verbundenheit geradezu [neben Altbayern, Franken und Schwaben, M.M.] als den vierten Stamm Bayerns.“ (ebd.) Während Markus Söder noch heute speziell von „ihrem Fleiß und dem Mut, neu anzufangen,“ (br.de, 12.10.2020) beeindruckt ist, konstatierte Kulturstaatsministerin Grütters, mit dem Museum erhalte „das vielfältige Kulturerbe der Sudetendeutschen […] endlich einen zeitgemäßen Erinnerungsort.“ (ebd.) Das Sudetendeutsche Museum wäre allerdings eine völlig überteuerte, wenngleich architektonisch auf den neuesten Stand gebrachte Rumpelkammer für folkloristischen Kunstgewerbemumpitz, wenn es nicht für eine „zeitgemäße“ politikpädagogische Botschaft stünde, die über Nostalgie- und Heimatkitsch hinausgeht. Denn zum einen habe, so Grütters, die „Geschichte der Deutschen in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien (gezeigt), welchen Reichtum an Sprachen und Dialekten, an Traditionen und künstlerischen Ausdrucksweisen das Zusammenleben verschiedener Völker und Kulturen hervorbringt“ (ebd.), um gleichzeitig mit dem Verweis auf das zu betrauernde „deutsche Leid“ den Bezug zur Gegenwart herzustellen und davor zu warnen, welch großes Ungemach „mit Abschottung, Nationalismus und Flucht einhergeht und wie schnell Menschen unverschuldet alles verlieren können.“ (ebd.)

Beide Aussagen sind in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Man könnte zunächst auf die Idee kommen, dass die Vertriebenen instrumentalisiert und vor den Karren der deutschen Flüchtlingspolitik gespannt werden sollen. Für eine solche Lesart sprechen etwa der Umstand, dass der zwischen der Bundesregierung und dem Bund der Vertriebenen ausgehandelte und erstmals am 20. Juni 2015 begangene „Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung“ auf den Weltflüchtlingstag der Vereinten Nationen gelegt wurde oder aber die Plakataktionen aus dem gleichen Jahr seitens der Stadt Leipzig und der Evangelischen Kirche im Rheinland, die ganz offensiv „eine Analogie zwischen ‚Flucht und Vertreibung‘ der Deutschen am Ende und infolge des Zweiten Weltkriegs und aktuellen Fluchtbewegungen herstellen und durch Rückgriff auf die historische Erinnerung für Toleranz und Empathie gegenüber Flüchtlingen in der Gegenwart werben.“ (12) Dabei wird jedoch vergessen, dass angesichts der vielen Freiwilligen in der Flüchtlingshilfe der Jahre 2015 ff. Toleranz und Empathie keiner Werbung mehr bedurften und dass ein solcher Bezug zur Geschichte gar nicht konstruiert werden musste, da laut einer Erhebung des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) vom Dezember 2015 ein Drittel der Befragten angab, ihre Motivation resultiere aus einem familiären „Vertreibungshintergrund“. Abgesehen von diesem persönlichen Engagement haben offensichtlich selbst die Vertriebenenverbände längst realisiert, „dass das Flüchtlingsthema auch das Interesse an der Geschichte der deutschen Vertriebenen befördert und ihnen neue Anerkennung verschafft“, was den Bundesvorsitzenden der Sudetendeutschen Landmannschaft Bernd Posselt dazu veranlasste, die gegenwärtigen Flüchtlinge als „Schicksalsgefährten“ (13) anzuerkennen.

Das Abrücken von der Position Erika Steinbachs, wonach die deutschen Vertriebenen nicht mit „integrationsunwilligen Arbeitszuwanderern und ihren Familien aus einem anderen Kulturkreis“ (faz.net, 27.7.2011) gleichzusetzen seien, gewinnt für die heutigen Verbandsfunktionäre trotz des Umstandes, dass dieser Wandel in der Vertriebenenszene nicht unumstritten ist, schon allein hinsichtlich der in Deutschland vorherrschenden Hoffnung an Plausibilität, dass Zuwanderung eine kulturelle und ökonomische Frischzellenkultur bedeute. So sind Empfehlungen, wonach „die deutsche Zuwanderungserfahrung […] ein wichtiges Kulturgut“ sei, welches für den „Umgang mit heutigen Zuwanderern und die Integration der Gesellschaft erschlossen und nutzbar gemacht werden sollte“ (14), keine Seltenheit. Schließlich habe, so der Historiker Michael Schwartz, bereits die Geschichte der Vertriebenen gezeigt, dass „eine große Gruppe von Millionen von Menschen, die zunächst einmal von den Einheimischen nicht nur als fremd, sondern auch als ökonomische, als finanzielle Belastung betrachtet worden ist, binnen weniger Jahre durch Integration in den Arbeitsmarkt, vor allem der jungen Generation, zu einem wichtigen Träger des Aufschwungs“ (deutschlandfunk.de, 20.10.2020) wurde. Das Elend deutscher Migrations- und Integrationspolitik ist angesichts des Rekurses auf die Erfahrungen mit den Vertriebenen daher alles andere als ein Zufall. Wenn ausgerechnet im Umgang mit vornehmlich islamisch sozialisierten Flüchtlingen das Loblied des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Goppel auf die sudetendeutsche „Geschlossenheit und Eigenart“ – das Gegenteil der schnellen Assimilation, die die Alliierten 1945 anstrebten (15) –, als nachahmenswert empfohlen wird, verwundert es nicht, dass in Deutschland das Prinzip Weltoffenheit als maßgebliches Moment für das „Zusammenleben verschiedener Völker und Kulturen“ (Monika Grütters), mit anderen Worten: für deren Bestandsschutz angesehen und gegen eine rechtsstaatlichen Prinzipien verpflichtete Gesellschaft in Stellung gebracht wird.

Gegen die Republik

Ob die tschechische Bevölkerung Gefallen an Gartenzwergen oder am längsten Motorrad der Welt fand, kann an dieser Stelle nicht geklärt werden. Sicher ist, dass Deutsche bis heute nicht begreifen können, dass die Tschechen nach der Befreiung von der deutschen Besatzung den sonstigen Eigenarten der Sudetendeutschen nichts Positives abgewinnen konnten. Zu präsent war die Erinnerung an den „großen Widerstand der deutschsprachigen Minderheit“ (deutschlandfunkkultur.de, 20.12.2020), zu der sich die jüdische in ihrer Mehrheit ausdrücklich nicht zählte, gegenüber der 1918 proklamierten ersten tschechoslowakischen Republik, „deren Staatsverständnis nach westlichem Vorbild politisch und territorial definiert war.“ (16) Dennoch hält sich in Deutschland hartnäckig die Legende, wonach das „austarierte gesellschaftliche Nebeneinander“ (br.de, 1.11.2020) im damaligen „Vielvölkerstaat“ (deutschlandfunkkultur.de, 25.11.2020) einer beständigen Bedrohung durch das Erstarken des tschechischen Nationalismus ausgesetzt gewesen sei. Tatsächlich waren die Sudetendeutschen „gleichberechtigte Bürger“ (deutschlandfunk.de, 20.10.2020), die ihre eigenen Parteien, Schulen und Universitäten unterhielten. Bezeichnenderweise nutzten die Studenten der Philosophischen Fakultät der Deutschen Universität in Prag bereits 1922 ihre Autonomie, um gegen die Einsetzung eines jüdischen Rektors zu protestieren. Hinter deren antisemitischen Forderungen, u.a. dem Ausschluss von Juden aus studentischen Organen, sammelte sich eine Koalition aus Vereinen sämtlicher Schattierungen der deutschen Community. Die Deutsch-Nationale Partei (DNP) bekräftigte dieses Ansinnen, indem sie einen Antrag im tschechoslowakischen Parlament einbrachte, der Zulassungsbeschränkungen für jüdische Lehrer, Schüler und Studenten an deutschen Bildungseinrichtungen forderte. (17) Der Einmarsch der Wehrmacht und der SS im März 1939 und die Bildung des Reichsprotektorats Böhmen und Mähren, sprich: die Beseitigung der Republik, galt den Sudetendeutschen, von denen bei den 1938 abgehaltenen vorangegangenen Kommunalwahlen 90 Prozent für die nationalsozialistische Henlein-Partei votierten (deutschlandfunkkultur.de, 20.12.2020), als „endgültiger Sieg über das minderwertige ‚Tschechentum’“. (18) Es ist fast überflüssig zu erwähnen, dass die „Germanisierung“ des Protektorats als auch die Auslöschung des Dorfes Lidice sowie Massenerschießungen, Deportationen und sonstige Terrorakte nicht nur begrüßt, sondern tatkräftig unterstützt wurden. Das antitschechische Ressentiment zeigte sich darin, „dass die wenigen Sudetendeutschen, die nicht ihrem Führer Henlein folgen, den Tschechoslowaken jede Solidarität verweigern.“ (19) So lehnten es die sudetendeutschen Sozialdemokraten ab, ihre Anhänger dazu aufrufen, sich als Bestandteil der tschechoslowakischen Auslandsarmee der Anti-Hitler-Koalition anzuschließen. Angesichts dessen war es konsequent, dass sich im tschechischen Widerstand die Haltung durchsetzte, die deutsche Minderheit nicht mehr als Bestandteil der tschechoslowakischen Nation anzusehen. Da die Sudetendeutschen die Toleranz ihrer Eigenarten ganz offensiv zur Zerstörung der tschechoslowakischen Republik nutzten, entschied sich Edvard Beneš 1945, „unser Land kulturell, wirtschaftlich und politisch endgültig zu entgermanisieren.“ (deutschlandfunk.de, 20.10.2020)

Dass derartige Schlussfolgerungen einem antifaschistischen Impuls folgten und nicht darauf zurückzuführen waren, dass Nationalisten eine „ethnische Homogenisierung“ anstrebten, „die ihnen bei der Staatsgründung 1918 nicht gelungen war“ (20), wird schon daran deutlich, dass es ab 1943 selbst „in den alliierten Staaten keinen ernstzunehmenden Politiker mehr (gab), der sich gegen eine Aussiedlung der Deutschen aus der Tschechoslowakei wendet.“ (21) Wenn Kulturstaatsministerin Grütters allen Erstes behauptet, dass ausgerechnet der tschechische Nationalismus, dessen Manko aus deutscher Sicht im Streben nach einem westlichen Standards verpflichteten Staatswesen bestand, ursächlich dafür sei, dass die Deutschen in den ehemaligen Ostgebieten „unverschuldet“ alles verloren hätten, so handelt es sich zwar auch um eine Reminiszenz an den Geschichtsrevisionismus jener Vertriebenenfunktionäre, welche behaupten, dass diese vornehmlich Opfer gewesen seien, die „stellvertretend für die wahren Schuldigen“ (22) leiden mussten und „die persönlich am härtesten für die NS-Verbrechen zu bezahlen hatten.“ (23) Der entscheidende Unterschied zu diesen besteht jedoch darin, dass Grütters der Geschichtspolitik der Berliner Republik getreu die Unschuldsbehauptung einbettet in den mittlerweile gängigen, von Täterstolz durchsetzten Jargon von der deutschen „Verantwortung für die Verbrechen des nationalsozialistischen Unrechtsregimes“. Gerade weil „jeder Verharmlosung“ entgegengetreten werden soll, wird es möglich, in Abgrenzung zu den sogenannten Ewiggestrigen von deutschen Opfern überhaupt sprechen zu können, indem ausnahmslos alle zu Tätern und Opfern zugleich erklärt werden. Demnach schaffe „früheres Unrecht, auch wenn es noch so groß war, keine rechtliche oder moralische Legitimation für neues Unrecht. Das gilt auch und gerade für die Vertreibung der Deutschen im östlichen Europa nach 1945.“ (24)

Geschichtsrevisionismus 2.0

Dabei ist das Ansinnen, insbesondere die Sudetendeutschen in den Stand des unschuldigen Opfers zu versetzen, keine spezifisch deutsche Angelegenheit mehr. Selbst wenn der tschechische Ministerpräsident Andrej Babiš im Jahr 2019 den Vorstoß von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), der verlautbarte, dass „die Geschichte erst (dann abgerundet ist), wenn wir mal einen Sudetendeutschen Tag in Tschechien begehen“, als „nicht zu akzeptierende Provokation“ (faz.net, 10.6.2019) ablehnte und jüngsten Umfragen zufolge mehr als die Hälfte der Tschechen die fortwährende Gültigkeit der Beneš-Dekrete befürwortet sowie weitere 41 Prozent der Ausweisung der Sudetendeutschen auch heute noch zustimmen (br.de, 31.5.2020), gewinnt die deutsche Interpretation der Geschichte offenbar an Strahlkraft. So pflichtet ausgerechnet die Autorin Eva Mändl Roubickova, eine der wenigen Überlebenden des tschechischen Ghettos Theresienstadt, der sudetendeutschen Opferlegende bei, wenn sie behauptet, dass sich „die richtigen Nazis und Schuldigen […] doch schon längst nach Westdeutschland abgesetzt“ (Der Spiegel, 22/1995) hatten. Es mehren sich jedoch vor allem in der jüngeren Generation die Stimmen, die in der Sache das Geschäft der mittlerweile in Deutschland kaltgestellten Vertriebenfunktionäre bereitwillig betreiben und ganz im Sinne Edmund Stoibers (CSU) die Forderung artikulieren, dass sich gemäß dem deutschen Vorbild auch „die tschechische Republik […] mit ihrer Vergangenheit“ (welt.de, 19.4.1996) kritisch auseinandersetzen möge. Zweifelsohne kam es bis zur Konsolidierung staatlicher Macht ab Herbst 1945 zu Selbstjustiz und Verbrechen gegenüber Deutschen. Das ändert jedoch nichts daran, dass die Beneš-Dekrete „in ihrer Gesamtheit die Kontinuität tschechoslowakischer Staatlichkeit, die durch das ‚Münchner Abkommen‘ und die deutsche Okkupation zeitweise zerschlagen wurde“, garantierten und dass sie „die politische Antwort auf sieben Jahre Terrorherrschaft, auf Massenmord, Ausplünderung, Angst und Erniedrigung“ (25) waren.

Ungeachtet dessen hat sich beispielsweise der tschechische Verein „Antikomplex“ die deutsche Wendung vom „Zusammenleben verschiedener Völker und Kulturen“ auf die Fahnen geschrieben und beklagt, die Umsiedlung der Sudetendeutschen stehe genauso für den Verlust „sprachlicher und ethnischer Vielfalt“ (deutschlandfunkkultur.de, 20.12.2020) wie die antisemitische Mordbrennerei der Deutschen, was gemäß deutscher Geschichtsschreibung als unterschiedslose Abfolge von Unrecht gedeutet wird: „Die Juden sind verschwunden, die haben die Nazis getötet, dann sind die Deutschen verschwunden, die wurden ja vertrieben und wer ist geblieben? Es ist ein relativ national-homogener Staat geblieben mit Menschen, die nicht bereit sind, etwas Buntes zu akzeptieren.“ (ebd.) Es verwundert dann auch nicht, dass Zeitzeugen der deutschen Besatzung, die sich dagegen verwahren, „aus Tschechen Täter und aus den Deutschen Opfer (zu) machen“ (ebd.), die auf die Zerstörung der Republik hinweisen oder daran erinnern, dass für sie „die Russen die Befreiung bedeutet“ (ebd.) haben, als versöhnungsbockige Nationalisten gescholten werden. Die Einfühlung in die deutschen Opfer geht dann soweit, dass der „Versöhnungsmarsch von Brünn“ an den von Vertriebenen genannten „Todesmarsch von Brünn“ erinnern soll, „indem wir diese Strecke nachgehen“, um sie „physisch zu erleben.“ (ebd.) Eine Volte ganz besonderer Art im Ansinnen komplexfreier Kultur- und Völkerfreunde, die Verdeutschung tschechischer Geschichtspolitik zu etablieren, besteht letztlich darin, mit derartigen Aktionen „den Rassismus in der modernen tschechischen Gesellschaft […] bekämpfen“ (ebd.) zu wollen. In dieser Logik tschechischer Antirassisten taugen die Sudetendeutschen vor allem deshalb als Bezugspunkt, weil, so die Diagnose eines Aktivisten, „mittlerweile […] die bundesdeutsche Vertriebenen-Community sehr progressiv (ist) in dem Sinne, dass sie sich lautstark für Hilfe aussprechen, dass man Flüchtlingen hilft, weil sie selbst einmal welche waren.“ (ebd.)

Antinationaler Trachtenverein

Bei aller Fragwürdigkeit der Diagnose tschechischer Linker, wonach Fortschrittlichkeit mit einer eigenen Fluchterfahrung korreliere, bleibt die Frage „Wer hat Angst vor den Sudetendeutschen?“ (pragerzeitung.cz, 14.9.2016) berechtigt. Längst hat die einst von „Nazis aller Ränge (gegründete)“ (26) Sudetendeutsche Landsmannschaft einen Wandel vollzogen, der vergleichbar ist mit den Transformationen im BdV, welche die „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ überhaupt erst ermöglichten. So wurde das Ziel, „den Rechtsanspruch auf die Heimat, deren Wiedergewinnung und das damit verbundene Selbstbestimmungsrecht der Volksgruppe durchzusetzen“ (augsburger-allgemeine.de, 28.2.2016), bereits 2015 auf einer Bundesversammlung aus der Satzung gestrichen. Selbst mit dem Antinationalismus von Markus Söder (CSU), der anlässlich des 70. Sudetendeutschen Tages im Jahr 2019 verkündete, dass er kein „Europa der Spalter, Hetzer und Nationalisten“ (kurier.de, 10.6.2019) wolle, besteht Einvernehmen, denn auch der Bundesvorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft und „Handlungsreisende in Sachen Völkerverständigung“ (bayernkurier.de, 16.5.2016), Bernd Posselt (CSU), warnt unermüdlich vor den „Dämonen des Nationalismus“ (kurier.de, 10.6.2019). Hinzu kommen Aussagen wie „Ich bin selbst als illegaler Migrant nach Deutschland gekommen und habe etwas zu essen bekommen“ sowie „Der Islam gehört zu Deutschland“ (pragerzeitung.cz, 14.9.2016), vorgetragen vom Leiter des Sudetendeutschen Büros in Prag im Jahr 2016. Während vermutet werden darf, dass derartige Statements bei der sogenannten Erlebnisgeneration noch Befremden auslösen, hat der Nachwuchs schon längst die Zeichen der Zeit erkannt. Nach Einschätzung des Bundesvorsitzenden der Sudetendeutschen Jugend Mario Hierhager wolle diese nämlich „nicht zusehen, wie Ewiggestrige ihr Heil in Rezepten des 19. Jahrhunderts suchten“ (ebd.). In bewusster Anlehnung an Fridays for Future wird stattdessen die Zukunft beschworen, „die wir uns nicht versauen (lassen) von Tweed-Sakko und Hunde-Krawatte tragenden Personen.“ (ebd.) Die Böhmerwaldjugend München rüstet sich nicht für einen Feldzug zur Rückeroberung der alten Jagdgründe, sondern „bei ihrem Engagement (stehen) die Gemeinschaft, die europäische Verständigung und vor allem die Kultur im Vordergrund – Volkstanz, Musik, Trachten.“ (br.de, 31.5.2020) Angesichts dessen müssten sich insbesondere deutsche Linke die Frage stellen, was es eigentlich noch substanziell an den Sudetendeutschen zu kritisieren gäbe. Die Zeiten, in denen die Vertreter eines völkischen Heimatbegriffs einen ernstzunehmenden Einfluss sowohl in der Vertriebenenszene als auch im politischen System der Bundesrepublik hatten, sind längst vorbei, und das revanchistisch aufgeladene Lamento über den Verlust der ehemaligen Heimat wurde mittels der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung neutralisiert. Hinzu kommt, dass sich der Jargon der Berliner Republik, für den die Linke das Copyright besitzt, in Form von Antinationalismus und Völkerverständigung auch in den einst als reaktionär gescholtenen Kreisen der Vertriebenen und ihrer traditionellen Unterstützer aus der CSU weitgehend unwidersprochen durchgesetzt hat und demzufolge „kulturelle Vielfalt“, „Minderheitenschutz und Volksgruppenrechte“ (27) deren politische Agenda bestimmen.

Vom ehemaligen Heimatkult ist letztendlich ein vergleichsweise harmloser Trachten- und Gemeinschaftskitsch der jungen Garde geblieben – und selbst dieser ist ganz dem Zeitgeist verhaftet. So ist die Böhmerwaldjugend München nicht mehr und nicht weniger als ein Bestandteil des Trends der Unterhaltungsbranche, Tradition und Heimat kulturindustriell zu simulieren. In diesem Sinne ließe sich tatsächlich davon sprechen, dass „Heimat […] in den vergangenen Jahren zu einem großen Wort geworden“ (Spiegel online, 27.4.2019) ist, wofür die zahlreichen und erfolgreichen Volksmusikformate ebenso sprechen wie der Umstand, dass die Heimat als Statthalter für Nachhaltigkeit von aufgeweckten Verkaufsstrategen sowohl für die Produktwerbung als auch für ein folkloristisch aufgemotztes Standortmarketing entdeckt wurde. Eine solche Entwicklung kann man gewiss als ästhetische Zumutung ansehen. Wenn der Heimatkritiker Thomas Ebermann allerdings den Beweis anzutreten gedenkt, dass dies „etwas mit der gesellschaftlichen Rechtsentwicklung zu tun haben muss“ (Neues Deutschland, 5.4.2019), da „jeder [sic!] Heimatbegriff […] rechte Ideologie in sich“ (Spiegel online, 27.4.2019) trage und dessen Affirmation dem „Phantasma der homogenen Volksgemeinschaft“ (ebd.) zuarbeiten würde, sind Zweifel angebracht. Denn mit diesem Kurzschluss baut Ebermann einen Popanz auf, da ohne ein inbrünstig vorgetragenes Bekenntnis zu Weltoffenheit und Diversität, d.h. zum staatsoffiziellen Antifaschismus, weder im Showbusiness noch in einem anderen Bereich ein Blumentopf zu gewinnen ist. Darüber hinaus verkennt er absichtsvoll, dass der Begriff Heimat im postmodernen Kapitalismus seinen realen Gehalt verloren hat, mithin ein objektiver Verlust von Heimat unabhängig davon, ob man diese affirmiert oder nicht, zu diagnostizieren ist. (28) Ungeachtet dessen gilt die Feindschaft gegenüber der Heimat für Linke nach wie vor als Lackmustest antinationaler Gesinnung, zumal man glaubt, sich auf den angeblich von Jean Améry stammenden Merksatz „Links ist da, wo keine Heimat ist“ berufen zu können. Der Rote Salon Leipzig hat indes darauf hingewiesen, dass die positive Inanspruchnahme von Amérys Maxime fast immer ahistorisch bleibt. Dabei wird dessen tatsächliche Formulierung „Links, wo keine Heimat ist“ so zurechtgebogen, dass es passt, denn Améry ging es um „eine Selbstreflexion […], die sich angesichts bestimmter Entwicklungen der Linken in den 1960er Jahren aufdrängte und es ihm verunmöglichte, sich künftig […] in der Linken heimisch zu fühlen.“ (29) Hinzu kommt, dass Jean Améry der Heimat durchaus etwas Positives abgewinnen konnte, wenngleich er den Begriff auf seinen „positivpsycholgischen Grundgehalt“, nämlich den der „Sicherheit“ (30), reduziert wissen wollte. Das hat zunächst nichts mit einem Lob des bornierten Landlebens und der Scholle zu tun, wonach derjenige, der „durch die Gestalt seiner Arbeit zum lokalen Verharren gezwungen ist, […] gerne aus der Not eine Tugend (macht)“ und „sich und andere davon zu überzeugen (sucht), seine Gebundenheit sei eine in höheren Ordnungen.“ (31) Améry geht es vielmehr um ein soziales Moment, um das Bedürfnis der Menschen, „zu Hause, geborgen, mit allem vertraut“ (32) zu sein. Statt diesen Aspekt des Heimatbegriffs zumindest zur Kenntnis zu nehmen, wird das soziale Bedürfnis, das sich darin äußert, als Ausdruck einer rechten Gesinnung verächtlich gemacht.

Das linke Ressentiment erklärt sich fast von selbst, wenn man in Rechnung stellt, dass ein Begriff von Heimat geschichtlich überhaupt erst entstehen konnte, als das nomadische Zeitalter durch Sesshaftigkeit und Eigentum abgelöst zu werden begann. Was einst als zivilisatorischer Fortschritt galt, hat heute den Beigeschmack einer altbackenen Marotte zurückgebliebener Locals. Insbesondere die antinationale Linke macht aus der Not eine Tugend und erklärt das notgedrungen nichtsesshafte und besitzlose nachbürgerliche Subjekt, also sich selbst, zum Motor der künftigen Geschichte und potenziert damit jene Zumutungen, für die der postmoderne Kapitalismus steht. Folglich werden all jene, welche auf verlässliche Sozialkontakte, die länger als zwei Mausklicks anhalten, und auf eine gewohnte Umgebung nicht verzichten wollen, kurzum: die zu unflexibel sind, mit dem Vorwurf konfrontiert, rechts zu sein. Der historische Gebrauchswert des Kapitals bestand im (vor-)industriellen Zeitalter darin, die Menschen aus archaischen Verhältnissen zu befreien. Mit der Durchsetzung der Kreativökonomie zeigt sich jedoch immer deutlicher, dass die postmoderne Eskalationsstufe des Kapitals keinerlei zivilisatorische Wirkung mehr zu entfalten vermag, sondern unter Mithilfe transnationaler Digitalisierungsmonaden, zuvorderst in ihrer linken Variante, der Rückfall in den vorzivilisatorischen Nomadismus droht – in einen Nomadismus, der im Zeitalter zwangsweise durchgesetzten Homeoffice-Betriebs eher von debilen Stubenhockern als von abenteuerlustigen Jetsettern, die zumindest als Karikatur noch an den abgehalfterten bürgerlichen Kosmopolitismus erinnerten, verkörpert wird. Einen Hinweis darauf, dass es sich hierbei um eine wünschenswerte Option handle, lieferte Thomas Ebermann in einem Interview für das Neue Deutschland, als er im Anschluss an das Lob auf die Anonymität der Großstadt, die im Gegensatz zur „Blutsurenge“ (Marx) tatsächlich befreiendes Potenzial für den Einzelnen haben kann, die Empfehlung gab, dass alle „anonym und in absoluter Kälte leben (sollen), in kapitalistischer Kälte, als Nomaden und Monaden.“ (ebd., 5.4.2019) Selbst wenn zu vermuten steht, dass Ebermann mit dieser Aussage einen Schenkelklopfer produzieren wollte, so plauderte er unfreiwillig die Konsequenz einer besinnungslosen und gesellschaftsfeindlichen Heimatkritik aus. Angesichts dessen sollte man sich bei aller Kritik der Volkstümelei vergegenwärtigen, dass „Vertrautheit“ zwar „nicht Versöhnung (ist), aber ein Vorbote davon. Einen versöhnten Zustand kann man sich nicht anders vorstellen, als dass er tiefste, ungetrübte Vertrautheit mit allen Lebensumständen einschlösse.“ (33)

Mario Möller (Bahamas 87 / 2021)