Editorial 69

Editorial Nr. 69
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Jetzt, da Wowereit geht, ist es schön, dass es den Armin Langer gibt. Über ihn reicht zunächst zu wissen, was die Berliner Zeitung schon am 24.2.14 titelte: „23 Jahre alt, angehender Rabbiner, schwul“. Eine echte Berliner Marke also, weltoffen und tolerant. Und wirklich, der schwule Armin von der Rabbinerschule lebt sogar in Neukölln, wo er sich in einem Verein einbringt, der über sich selbst sagt: „Salaam-Schalom wurde von Neuköllnern, Muslimen, Juden und anderen errichtet als Reaktion auf die öffentlichen Statements von einem Rabbiner, die Neukölln als ‚No-go-Area‘ für Juden bezeichnet haben, wegen der hohen Anzahl von Muslimen. Stigmatisierungen, die zu Misstrauen und Spannungen führen, möchte SaSha auflösen. Berlin und Neukölln sind eine No-go-Area für Rassismus und Xenophobie.“ Diejenigen, die in den letzten fünf Jahren wegen der hohen Anzahl von Kneipen ins coole Neukölln gezogen sind und ganz nebenbei Arabern und Türken jede Chance auf eine Wohnung in diesem Bezirk nehmen, die Armin Langers aller Herren Länder also, sind in ihrem unbändigen Willen, kreativer, unangepasster, eben ganz anders als der spießige Rest zu sein, nichts als die Personifizierung der billigsten Konfektionsware auf dem Ramschtisch der Identitäten, die seit dem Jahr 2008 eine Hauptstadtkampagne der Stadt Berlin massenweise auf den Markt wirft: „Sei einzigartig, sei vielfältig, sei Berlin.“ Wer eigens eine „kiezpatriotische“ Initiative mitbegründet, die nur dazu dient, den Antisemitismusbeauftragten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Daniel Alter, dafür zu verunglimpfen, dass er 2013 vor No-go-Areas für öffentlich bekennende Juden, besonders in Neukölln und Wedding, gewarnt hatte, der hat es sich redlich verdient, nach Bellevue eingeladen zu werden. „Der Bundespräsident hat sich am 1. August mit der Neuköllner Initiative ‚Salaam-Schalom‘ getroffen, die sich für ein friedliches Zusammenleben verschiedener Kulturen und Religionen in Neukölln und Berlin einsetzt. Die Begegnung mit den Initiatoren und das Gespräch über die konkrete Arbeit von ‚Salaam-Schalom‘ war dem Bundespräsidenten gerade vor dem Hintergrund der sich immer weiter verschärfenden Lage in Gaza ein besonderes Anliegen.“ (www.bundespraesident.de)

Das war das Stichwort für den Tagesspiegel, dem die Art, wie sich die Lage in Gaza seither entspannt hat, genauso missfiel, wie der unlautere Profit, den antimuslimische Hetzer aus einigen unbesonnenen Aussagen betroffener Araber gezogen haben. Weil „23 Jahre, angehender Rabbiner, schwul“ so viel bedeutet wie: Anruf genügt und gesinnungstüchtige Bekenntnisliteratur für Deutschland wird prompt geliefert, hat Armin Langer am 9.9.14 unter der vom Tagesspiegel vorsichtshalber in Anführungszeichen gesetzten Überschrift „Muslime sind die neuen Juden“ dankenswerterweise klargestellt, dass die nötigenden Einlassungen des „jüdischen Establishments“ sich von denen „islamfeindlicher Aktivisten“ nicht unterscheiden: „Als es in Berlin, Bremen und anderen deutschen Städten zu antisemitischen Aussagen bei Demonstrationen gegen Israels Krieg kam, waren sie schnell zur Stelle, diejenigen die das Ganze für ihre antimuslimische Hetze genutzt haben. Aus 1.000 Demonstranten auf der al-Quds-Demonstration sind ‚alle Muslime‘, ist ‚der Islam‘ geworden, der uns bedroht, den Antisemitismus importiert. Dabei ist dasselbe passiert, wie jedes Jahr beim al-Quds-Marsch: Basierend auf dem Verhalten von 0,0001 Prozent der Muslime in diesem Land werden alle zu gefährlichen Islamisten, die Synagogen anzünden wollen. […] Islamfeindliche Aktivisten und Publizisten […] benutzten dieselbe Sprache und ähnliche ‚Argumente‘ wie die Antisemiten des 19. Jahrhunderts, die es heute freilich auch noch gibt. Es ist erstaunlich, dass so viele Vertreter des jüdischen Establishments diese Parallelen nicht sehen. Im Gegenteil, sie deklarieren ganze Stadtteile wie Neukölln als ‚No-go-Area‘ – für sich selbst. Dabei wäre es höchste Zeit für ein sozial engagiertes Judentum in Europa. Für Solidarität unter ehemaligen und aktuell diskriminierten Minderheiten. Es ist Zeit für Juden, die nicht mehr nur sagen ‚nie wieder‘, sondern ‚nie wieder, egal wen es trifft‘.“

Und doch wird Neukölln für Leute nur wegen eines Fähnchens am Auto zur „No-drive-Area“. Natürlich nicht im Tagesspiegel, sondern auf der Website von Honestly concerned hat Andre Walde am 12.8.14 über einen Selbstversuch berichtet: „Montag, 11.8.2014, Berlin-Neukölln. Aus Solidarität mit den in Deutschland lebenden Juden, die in den vergangenen Tagen und Wochen antisemitischen Übergriffen ausgesetzt waren bzw. sind, habe ich an meinem Auto zwei kleine Fan-Fähnchen. Eine schwarz-rot-goldene und eine israelische mit dem Davidsstern. Damit bin ich nach Neukölln-Nord gefahren. Ab Bhf. Neukölln zog das nicht nur irritierte Blicke nach sich, sondern an Ampeln auch Beschimpfungen. ‚Juden-Schwein, Mörder, Wixer‘ … alles dabei. Tür-Verriegelung runter. Aus insgesamt drei nachfolgenden Autos wurde ich gefilmt oder fotografiert. An einem Fußgänger-Überweg von türkischen oder arabischen Jugendlichen bespuckt. In der Karl-Marx-Straße: Geschäfte mit T-Shirts ‚Free Palestine‘ auf dem Gehsteig. Daran ein DIN A4-Zettel ‚10 Euro als Spende für Gaza‘. Weitere Shirts mit Kindern mit Kalaschnikows. Landkarten ohne Israel. [...] Noch ein kurzer Termin in Kreuzberg Ritterstraße. [...] Am Straßenrand drei arabische Jungs. Ca. 10 bis 12 Jahre. Sie bleiben wie angewurzelt stehen, zeigen auf die Fahne. Beschimpfen mich. Einer zieht sich vorn die Hose runter (Unterhose an). Ein zweiter zeigt auf mich und setzt die andere Hand an die Kehle. Weiterfahrt. Prinzenstraße. Ein Mann mit Vollbart bleibt stehen, läuft auf mich zu: ‚Du bist tot!‘ Grün. Ich fühle mich wie im Feindesland.“

Auch darauf hatte die Salaam-Schalom-Initiative auf ihrer Website bereits am 2.9. eine Antwort parat, die der Redaktion des Tagesspiegel die Entscheidung, bei Langer einen Gastbeitrag zu bestellen, noch leichter gemacht haben dürfte: „Sind Kreuzberg und Neukölln antisemitisch?“ fragt der Verein und „Juden erzählen“, dass Freunde Israels ruhig aus Neukölln geprügelt werden dürfen – schon um des friedlichen Zusammenlebens verschiedener Kulturen willen. Sie sprechen alle mit der Stimme von Shlomit, die natürlich Kunstpädagogin ist: „Wenn man bedenkt, dass gerade 2.000 arabische Menschen durch israelische Waffen getötet wurden, und er mit israelischer Fahne durch einen Bezirk mit großem arabischen Bewohneranteil gefahren ist, ist er eigentlich ziemlich glimpflich weggekommen. Schwer zu sagen, wieviel die Reaktionen tatsächlich mit Antisemitismus zu tun hatten und wieviel mit hilfloser Wut auf eine klare Provokation mit Siegeszug-Charakter.“