Editorial 70

Editorial Nr. 70
Inhalt

Noch im Sommer 2014 war nach den antisemitischen Angriffen von Islamisten und anderen Jubelpalästinensern auf proisraelische Demonstrationen und auf als solche erkennbare Juden in Medien und Politik professionelles Erschrecken angesagt und von Islamophobie kaum die Rede. Das wurde im Herbst langsam anders: Auf einem unter dem Motto „…was ihr letzten Sommer getan habt“ veranstalteten Kongress israelsolidarischer Gruppen zur Nachbereitung der Vorfälle hat ein Floris Biskamp Bedenken angemeldet, die uns seit dem 7.1.2015 verschärft beschäftigen. Über das hässliche Milieu, aus dem Biskamp kommt, ist alles gesagt, wenn man weiß, dass er an der Universität Gießen zum Thema „Orientalismus und Wahrheit. Die Debatten um ‚Islamophobie‘ vor dem Hintergrund Kritischer Theorie und postkolonialer Dekonstruktion“ bei ausgerechnet Prof. Dr. Helmut Dubiel promoviert. In seinem Redebeitrag, der das Abstract einer bereits Anfang Dezember im Netz erschienenen Langfassung war, sagte er gegen die Veranstalter der Demonstration „Es gibt kein Menschenrecht auf Israelkritik“ gewandt, die am 6.9.2014 mit armseligen 120 Teilnehmern durch Köln gezogen war: „Verschärft wird all das [der islamophobe Rassismus, die Red.] durch die dem Milieu der Verfasser_innen eigene entmenschlichende Sprache. Wie in anderen Texten ‚die Linken‘ und unter ihnen insbesondere ‚die Wursthaarträger_innen‘ als ‚Gesindel‘ tituliert werden, ist nun in Bezug auf die an sich antisemitischen Muslim_innen von ‚Lumpen‘, ‚Brüllern‘ und ‚Mob‘ die Rede.“

Unvergesslich bleibt den Redakteuren eine Begegnung vor 14 Jahren, unmittelbar nach der von Antisexisten gesprengten Bahamas-Veranstaltung zur Infantilen Inquisition in Berlin, als sehr junge Angehörige der für ihren Hang zu Markenkleidung übel beleumdeten und längst aufgelösten Antifaschistischen Aktion Berlin (AAB) ihnen von Muschel-Meike und Wursthaar-Gunnar berichteten. Während besagte Meike im Auftrag der AAB-Führung die Mädchen unter ihnen wegen einer angeblichen Vergewaltigung im Umfeld der Gruppe sehr gegen deren Willen zum Anti-Sexismus-Training einlud, und dort eine Muschel von Hand zu Hand wandern ließ, um die nötige Sensibilität für den Ernst der Situation zu wecken, war Gunnar ein notorischer Warner vor antideutscher Infiltration der Antifa, der für seine sehr langen Dreadlocks bekannt war. Das Wort Wursthaarträger hat Jahre später ein Bahamas-Redakteur eher zufällig anlässlich eines Interviews als Beispiel für die Hässlichkeit der Linken zu einiger Bekanntheit gebracht. Seither ist es Schlüsselwort für jeden, der der Bahamas ihre zynische und menschenverachtende, ja entmenschlichende Haltung attestieren will. Nun gibt es zweierlei Hässlichkeit. Die einen erklären Glasauge und Hinkebein für hässlich, wie Hermann Ludwig Gremliza es tat, und dafür ausgerechnet in der Bahamas heftig angegriffen wurde. Andere würden noch Doppelkinn, Hängebauch oder schuppende Haut hinzufügen, und die davon betroffenen Menschen zu rascher Abhilfe durch Sport und gesunde Ernährung nötigen – nur nicht die Bahamas. Für hässlich hält die Redaktion lediglich Menschen, die mit äußerlichen Merkmalen ihre Zugehörigkeit zu einer Gesinnungsgemeinschaft und/oder einem Volkstumskollektiv unterstreichen. Dreadlocks machten schon hässlich, als Bob Marley noch am Leben war. Dass man den antizivilisatorischen Furor, den solche Gesinnungshaartracht ausdrückt, noch steigern konnte, dafür stehen nicht die verhaltensauffälligen Gunnars aus der Restmasse der Berliner Hausbesetzerszene, sondern vielmehr jene alerte Nachfolgegeneration, die ihr Wursthaar als Ausdruck gesellschaftlichen Arriviertseins in einer fast schon staatsoffiziellen Widerstandskultur trägt, als Beweis ihrer Anständigkeit also. Diese Avantgarde unterstrich schon mit ihrem argumentenfreien kollektiven Kommunikationsgebaren, das an die Stammesrituale von Urgesellschaften erinnern soll, dass ihr an die Siegesmeldungen moderner Diktaturen erinnerndes „Wir sind die 99%“ so viel wie Boko Haram bedeutet, also „westliche Bildung ist fluchbeladen“. Inzwischen haben sogar die Wursthaare schon einen Bart, genauer: einen Gesichtspelz, den man in identitärer Absicht als Zeichen individualistischer Herdenzugehörigkeit so stolz zur Schau trägt wie sonst nur die Salafisten. Es wird der Redaktion in Zukunft mehr denn je darum gehen müssen, diese der postkolonialen Dekonstruktion der Wahrheit verpflichteten Abkömmlinge des europäischen oder amerikanischen Mittelstands – allesamt grundehrliche Bekenner, Garanten für faire Umgangsformen, gewaltfrei bis in die Knochen – vorzuführen als die Zombies, in die sie sich massenhaft und genau zeitgleich verwandelten, als keineswegs zufällig ihre hässlichen, die fromme Denkungsart unterstreichenden Bärte, kombiniert mit dem Kurzhaarschnitt auch zum Erkennungsmerkmal von Salafisten und IS-Fans wurden.

Heute ist von Israelfeinden nur dann noch die Rede, wenn sie ausgemacht Deutsch und rechts sind. Sollten, wie Anfang Januar in Berlin geschehen, doch schon wieder moslemische Jungmänner die antisemitischen Gesänge in der U-Bahn anstimmen und den dagegen protestierenden Israeli tätlich angreifen, macht der Geschlagene seinen Job schon ganz automatisch, indem er vor der Verunglimpfung von Moslems warnt. Der Feind heißt auch in Frankreich – wo das Präsidialamt Benjamin Netanjahu nahegelegt hatte, nicht zur nationalen Gedenkkundgebung am 11.1.2015 zu erscheinen, und, als der auf sein Kommen bestand, zum Ausgleich Mahmud Abbas einlud – nicht Islamismus und schon gar nicht Islam, sondern Israel. Was scheren die Nation da vier ermordete Juden und der Polizist Ahmed Merabet, der als Judenknecht exekutiert wurde.

Die Mitarbeiter von Charlie Hebdo haben sich in einem Punkt, der tödlich wurde, vom französischen Mainstream unterschieden. Sie hatten, bei aller israelfeindlichen Ranküne, die zu ihrem Blatt gehörte, keinen Gefallen am Blut und haben anders, als es dem Präsidenten und seiner Partei lieb sein kann, die Bluthunde des Propheten ins Visier genommen. Inzwischen wird ihnen ausgerechnet in Deutschland zum Vorwurf gemacht, wofür sie starben. Am 12.1.2015 berichtete die Sächsische Zeitung: „Die Stadt Leipzig hat das Verbot von Mohammed-Karikaturen beim ersten Aufmarsch des islamfeindlichen Legida-Bündnisses wieder zurückgezogen. Das Ordnungsamt bestätigte am Montag eine entsprechende Meldung des Rundfunksenders MDR Info. Vor dem Hintergrund der Terrorattacken in Paris hatte die Stadt zunächst die Auflage erlassen, dass bei der Kundgebung am Montagabend keine Mohammed-Karikaturen gezeigt werden dürften, weil diese als Provokation verstanden werden könnten. Die Stadt habe das Verbot noch einmal geprüft und sei nun zu einem anderen Schluss gekommen, hieß es am Montag beim Ordnungsamt.“

Dass 17 Hingemetzelte in Paris und gleichzeitig bis zu 2.000 in Nigeria dazu geführt haben, nicht etwa vor dem Islam, oder wenigstens dem Islamismus, sondern – noch schriller als in den vier Wochen davor – vor Islamfeindschaft zu warnen, ist deutsche Politik. Das hat der Floris Biskamp erkannt, als er mit den ersten Mobilisierungserfolgen von Pegida die Freunde Israels mutig vor dem in ihren Reihen virulenten Islamhass warnte. Sind nicht irgendwie auch das Bündnis gegen Israelkritik NRW und natürlich auch wir von der Bahamas Islamfeinde? Heute müsste man noch hinzufügen: Sind nicht Leute aus unserem Milieu wegen Hasspropaganda mitverantwortlich für den Tod von 17 Franzosen? Anfang Dezember hatte der Hetzer Biskamp noch einen bedenkenträgerischen Ton gewählt: „Das mindeste, was man sagen kann, ist, dass die Autor_innen sich keinerlei Mühe gegeben haben, differenzierende Formulierungen zu wählen. Liest man den Aufruf, findet man keinen Hinweis darauf, dass es innerhalb der islamischen Tradition Brüche, Spaltungen, Differenzen und Dynamiken gibt, oder gar darauf, dass individuelle Muslim_innen vielfältige Möglichkeiten haben, sich zu dieser Tradition zu positionieren.“ Weil die Zeiten sich ändern, sei hier, anstelle einer Karikatur aus Charlie Hebdo oder Jyllands Posten, ein bestimmt schon bald verbotenes Zitat aus dem inkriminierten Köllner Aufruf angeführt: „Die Verkünder Allahs wollen die ganze Welt in einen autoritären Kollektivismus hineinterrorisieren, die strikte islamische Trennung des ‚Reinen‘ vom ‚Unreinen‘ soll alles beherrschen und jedes bisschen Leben, jedes bisschen Freiheit in Angst und Todeskult ersticken. Die radikale Abschaffung dieses unvergleichlich amoralischen, menschenfeindlichen und despotischen Gottesbildes kristallisiert sich als die vordringlichste Aufgabe für jeden heraus, der die Idee einer Menschheit noch nicht aufgegeben hat. Der Islam ist keine schützenswerte Kultur, sondern eine furchtbare, autoritäre, gnadenlose Ideologie, die durch die Verkommenheit der westlichen Intellektuellen und Politiker, durch das Versagen und die Borniertheit der Zivilisation voranschreitet: in Gaza, Syrien, Irak, Nigeria, Somalia und zahllosen anderen Stätten islamischen Grauens. Sein terroristisches Vordringen auf den globalen Schlachtfeldern muss mit angemessenen militärischen Maßnahmen bekämpft, seiner ‚friedlichen‘ Missionstätigkeit und Propaganda im Westen mit den Mitteln des Rechtsstaats und den Waffen der Kritik das Handwerk gelegt werden.“

Leute, die „die Idee einer Menschheit noch nicht aufgegeben haben“, sind gewiss bis ins Mark unanständig und nicht wie Biskamp und die deutsche Presse und Politik Teil eines Aufstands der Anständigen. Über Pegida, die Unanständigen also, hat die Redaktion vor dem 7.1.2015 geschrieben, was nötig war – mit ziemlich bescheidenem Erfolg übrigens. Wir hätten die Reputation unserer Erklärung mit einem zornigen Zonen- und Sachsenbashing aufpeppen können, aber seit man den Dresdner Zonis medienöffentlich zum Vorwurf macht, sie seien unproduktive Kostgänger, was bis vor kurzem noch streng verboten war, hatten wir auch dazu keine Lust mehr.

Was aber hat dieses Deutschland, das am liebsten die einschlägigen Charlie Hebdo-Karikaturen verbieten würde, nun eigentlich über den Islam zu sagen? Ein Transparent bei der Leipziger Anti-Legida-Demonstration vom 12.1., das die Welt noch am gleichen Tag online und der Tagesspiegel am 13.1.2015 in seiner Printausgabe freudig ausgestellt hat, lautet in aller Pegida-kompatiblen Unmenschlichkeit: „Nicht jeder Moslem ist Terrorist“. Der Pegida-Sachse würde jederzeit sagen: Nicht alle Türken sind Schmarotzer, der Murat, der bei uns in Dippoldiswalde den Dönerimbiss betreibt, ist ein fleißiger und höflicher Mensch, für den steh ich grade.

An jeder Empathie mit Menschen islamischen Hintergrundes oder sogar offenen islamischen Bekenntnisses mangelt es denen, die dauernd eine bunte Gesellschaft fordern, schon deshalb, weil sie diesen jede wie auch immer fragwürdige Buntheit aktiv verweigern, indem sie ihren Mitbürgern als Bestimmung attestieren, worauf die Aktivisten in der jeweiligen Kiez-Umma sie noch einschwören: den Islam als Wesenseigenschaft. Dabei ist es ein grausames Schicksal, in die so gar nicht bunte moslemische Welt hineingeboren zu werden. Das lässt sich in Europa, wo bekennende Moslems eine Parallelgesellschaft bilden, am leichtesten beobachten. Täglich sehen ihre Angehörigen, dass sich auch anders leben ließe, als sie es tun, selbst wenn man auf Stütze angewiesen ist. Sie sehen schon in der Schule andere das tun, worauf doch auch ihre Sehnsucht geht: erste Flirts, Händchenhalten, erste Küsse. Sie sehen, dass anderen an ihrer Klan-, Familien-, Vaters-Ehre nicht gelegen ist, und solche doch ihre Schwestern lieben und an den Eltern hängen, ohne als plakativ keusche Jungfrau oder zwangsverpflichteter Wächter der Reinheit seiner Schwestern das eigene Leben vergeuden zu müssen. Sie sind täglich konfrontiert mit einer Welt, die doppelt verlockend ist, weil sie sie ständig als haram zu verwerfen haben. Zweifellos sind die Moslems, also jene, die sich nicht ausdrücklich vom Islam losgesagt haben, die unglücklichsten Menschen auf dem alten Kontinent, und weil die Welt global ist, dürfte das mit Abstrichen auch für ihre Brüder und Schwestern in der „originär“ islamischen Welt gelten. Es wäre in einer Welt, in der natürlich nicht jeder Moslem Terrorist wird, sondern nur eine Minderheit, dafür Sorge zu tragen, dass die böse Saat – und das ist der Islam – nicht dauernd neue Ungeheuer in ihrer Mitte entstehen lässt. Weil der Islam eine zur absoluten Gleichförmigkeit zwingende Kultur ist, die alles verbietet und zum Ausgleich grenzenlosen Stolz feil hält, in der der Hass auf die Unreinen automatisch entsteht, kann zwischen angeblich friedlichem Islam und seinen „Missbrauchern“ nicht unterschieden werden. Die Aufgabe dieser Gesellschaft wäre es, einfach nicht mitzumachen bei der frommen Nötigung. Denn in der ewigen Litanei „In unserer Religion ist das verboten, bei uns ist das anders“, oft scheinbar um Nachsicht angehend formuliert, schwingt immer das gewalttätige „Wir können auch anders“ mit. Wer es also mit „den Moslems“ gut meint, der muss sie und ihre Religion schonungslos kritisieren, und ihnen ein Angebot zum Ausstieg machen. Das kostet Mut, Selbstbewusstsein, Empathie und Geld, mithin drei Eigenschaften, die man nicht hat, und Mittel, die man den Verdammten nicht gönnt. Da nehmen sich Pegida und seine anständigen Gegner nichts.

Aber, wie sagen wir es denen, die ihre Wursthaare gegen Bärte eingetauscht haben und in Neuköllner Kneipen ihren postmodernen Diskurs gegen die Islamophobie pflegen, bis endlich auch für sie etwas Beute abfällt in den ideologischen Apparaten der Appeasement-Republik? Zunächst mit den Worten eines schönen alten Salafistenliedes nur so viel: Alle die mit uns auf Kaperfahrt fahren, müssen Männer mit Bärten sein. Jan und Hein und Klaas und Pit, die haben Bärte, die haben Bärte, Jan und Hein und Klaas und Pit, die haben Bärte, die fahren mit.