Editorial 71

Editorial Nr. 71
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Gegen völlig verhärtete Israelkritiker, die eine Monatszeitschrift im Abo haben, aus der jeder Funken Geist seit dem Sommer 1991 ausgeflogen ist, kann man es ja mal mit etwas aufmunternder Pädagogik versuchen. „Was ist so schwer daran, Stellung zu beziehen? Warum scheint es für viele Menschen zu viel verlangt, sich öffentlich klar und deutlich gegen Antisemitismus zu positionieren, ohne den Impuls zu verspüren, ein ,Aber‘ in den Satz einzufügen? Weil viele irgendwo im letzten Hinterstübchen den Gedanken nicht loswerden, die Wut der Angreifer_innen ein wenig verstehen zu können? Dass Israel doch aber tatsächlich Verbrechen begehe, die man anprangern können müsse, ohne gleich mit der Antisemitismuskeule konfrontiert zu werden? Dass die steigende Islamfeindlichkeit in Deutschland und Europa bei der Bewertung der Situation nicht ausgeblendet werden dürfe?” Leute, gebt Euch einen Ruck und gesteht Euch ein, was Ihr längst wisst: Antisemitismuskritik ohne Israelsolidarität gibt es nicht! Oder noch schlichter, dafür programmatisch wie die Überschrift eines Artikels aus der Bahamas Nr. 20 von 1996: Es geht um Israel! Wäre das nicht die konsequente Fortsetzung? Ganz sicher nicht, wenn man als publizistisches Aushängeschild einer mit Staats- und EU-Geldern finanzierten Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA) Dienst tut und wegen notorischer Verharmlosung moslemischer Hochleistungsantisemiten in der Bahamas Nr. 69 einschlägig verwarnt wurde. Dann nämlich heißt man Anne Goldenbogen und fährt in Analyse & Kritik, kurz Ak genannt, so fort: „Alles richtig. Und alles falsch. Warum? Weil es darum an dieser Stelle nicht geht. Es geht nicht um Israel. Es geht nicht um den Nahostkonflikt. Es geht nicht um Islamfeindlichkeit. Es geht darum, dass in Europa Menschen angegriffen und getötet werden, weil sie Jüdinnen und Juden sind. Das ist alles. Das ist Antisemitismus.“ Was ist so schwer daran, einzusehen, dass diese beherzte Durchtrennung des innerlinken Knotens nur wieselhaftes Einknicken vor den bedrohlichsten Antisemiten, also den Israelkritikern aus islamischer Überzeugung, ist, deren „Aber“ immer nur Rache an Israel für die Nakba heißt? Die Antwort hat sie selber geliefert: Die Zusammenarbeit mit Israelhassern gegen den Antisemitismus sei deshalb geboten, weil sonst „die wachsende Islamfeindlichkeit in Deutschland und Europa ausgeblendet“ würde. Erschienen ist das infamerweise am 17. März 2015 – gerade einmal einen Monat nach den Morden an einem Kameramann, der eine islamkritische Versammlung besuchte, und an einem Mitglied der jüdischen Gemeinde durch einen islamischen Terroristen in Kopenhagen; zwei Monate nach dem islamistischen Massaker an den Mitarbeitern von Charlie Hebdo und den Kunden eines jüdischen Supermarktes in Paris. Zwei Taten, für die es in beiden Städten jede Menge Verständnis und sogar unverhohlene Zustimmung von eben Moslems gab.

Zum Glück gibt es auch andere linke Stimmen wie die Web-Site Anti-capitalism revisited (Emma und Fritz). Dort heißt es: „Meistens verweisen Israel-Flaggen schlicht und ergreifend auf die Anwesenheit von Menschen, die Solidarität mit dem vom antisemitischen Vernichtungswahn bedrohten jüdischen Staat zeigen wollen. Das kapieren Antizionist_innen zwar nie. Aber glücklicherweise muss ja niemand lebenslänglich Antizionist_in bleiben.“ Doch im „meistens“ steckt auch hier die Einschränkung. „Die falschen Freunde Israels – Für eine Debatte um Israel-Flaggen bei Rechtspopulisten“ betiteln diese Anti-Capitalistas aus Baden-Württemberg ihre Intervention vom 10. Juni dieses Jahres, die sich an „emanzipatorische, linke israelsolidarische Menschen“ richtet. Die Fritzen und Emmas haben nicht verwunden, dass der Stuttgarter AfD-Stadtrat Helmut Fiechtner am 17.Mai 2015 auf einer Stuttgarter Pegida-Demonstration eine Israel-Fahne schwenkte. „Zu bemerken gilt es allerdings, dass sich das rechte Lager nicht etwa mit Israel solidarisiert, um zu demonstrieren, dass Antisemitismus in Deutschland und weltweit bekämpft werden muss, sondern um das Land für seine widerwärtige muslimfeindliche Hetze zu instrumentalisieren.“ Das soll nicht sein, denn man weiß ja: „Israel distanziert sich aus vielen guten Gründen von jedem Kulturkampf gegen den Islam“ – und das ist eine faustdicke Lüge. Weil Israel im Focus eines weltweit erklärten Kulturkampfs des Islam gegen den Westen steht, weil es qua westlichen Selbstverständnisses – also weder im Sinn der EU noch Obamas – gar nicht anders als antiislamisch sein kann, was den im Land lebenden Arabern bekanntlich sehr zu Gute kommt, führt man dort den aufgezwungenen Kulturkampf wenn nötig in Form handfester Kriege gegen den eben moslemischen „antisemitischen Vernichtungswahn“. Dass Frauke Petry einmal zusammen mit Helmut Fiechtner in Dresden eine Israelfahne schwenkt, ist wohl ohnehin auszuschließen – zwischen der AFD Ost und der AFD West verläuft nämlich die Zonengrenze. Dagegen ist es völlig konsequent, dass antikapitalistische Emmas und Fritzens genauso argumentieren wie die SPD. Helmut Fiechtner wurde Anfang Januar auf einer Trauerkundgebung für die Opfer der Pariser Anschläge dabei belauscht, wie er den Koran mit Mein Kampf auf eine Stufe stellte. „,Mit dem völlig irren Vergleich will die AfD einen Kulturkampf in Stuttgart anheizen‘, sagt Martin Körner, Fraktionschef der Stuttgarter Genossen“ (Stuttgarter Zeitung, 9.1.15), der wie Emma und Fritz bestimmt keine Anti-Pegida-Kundgebung ausgelassen hat. In der AfD wurde wegen dieses Vergleichs übrigens sofort ein Ausschlussantrag gegen Fiechtner gestellt, seine Fraktionskollegen haben sich pflichtschuldig distanziert usw.

Dass Pegida in Westdeutschland nie ankommen würde, war von Anfang an klar. Deshalb waren die Gegenkundgebungen in Stuttgart und anderswo nur der zur Schau gestellte Schulterschluss jener politischen Kräfte, die systematisch darauf hin gearbeitet haben, dass sich die Einwanderer aus der Türkei heute zunehmend als verfolgtes islamisches Kollektiv verstehen und sich als islamische Unterschicht, zu der sie gemacht wurden, am Ramadan krankenhausreif fasten, statt mit deutschen Kollegen ein Feierabendbier zu trinken. Aber das ist Leuten, die den anti-capitalism beleben wollen, egal. Sie wollen mit den westdeutschen Linken von der SPD bis zum Ak antikapitalistisch und schwer emanzipatorisch ein schmutziges Bündnis gegen rechts schließen. Mit der Behauptung, dass Israelfahnen nur noch „meistens“ für einen guten Zweck stehen, stimmen sie nicht nur der Übersetzung von Islamkritik in „antimuslimische Hetze“ willig zu, sie leisten auch ihren zivilgesellschaftlichen Beitrag zur öffentlichen Denunziation jeglicher Kritik am islamischen Kulturkampf, der auch in Stuttgart immer härter vor allem gegen die Säkularen in den „eigenen“ Reihen geführt wird. Die Redaktion Bahamas wird deshalb ein scharfes Auge auf alle Leute von rechts und links haben, die den Türken unveränderliche kollektive Eigenschaften unterstellen, wie zum Beispiel die, sie könnten nicht anders als islamisch zu sein. So emanzipatorisch und solidarisch sind wir dann doch, dass wir dergleichen antitürkische Hetze strikt zurückweisen.