Editorial 72

Editorial Nr. 72
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Jeder weiß es, aber nur der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland hat es öffentlich ausgesprochen: „Unter den Menschen, die in Deutschland Zuflucht suchen, stammen sehr viele aus Ländern, in denen Israel zum Feindbild gehört. Sie sind mit dieser Israelfeindlichkeit aufgewachsen und übertragen ihre Ressentiments häufig auf Juden generell“. In den jüdischen Gemeinden gebe es „jetzt die Befürchtung, dass der arabischstämmige Antisemitismus in Deutschland zunehmen könnte. Diese Sorge teile ich und sehe daher die Notwendigkeit, die Flüchtlinge so schnell und so fest wie möglich in unsere Wertegemeinschaft einzubinden. Die Ablehnung jeglicher Form von Antisemitismus sowie die Solidarität mit Israel zählen zum Grundkonsens der Bundesrepublik.“ In der Welt am Sonntag vom 3.10.2015, aus der die Zitate stammen, konnte man nachlesen, wie schlecht seine Warnungen beim offiziellen Deutschland ankamen: „Schuster hatte seine Bedenken der Bundeskanzlerin am vergangenen Dienstag bei einem Treffen mit Vertretern von Verbänden, Religionsgemeinschaften, Institutionen und Gewerkschaften vorgetragen. Nach seinem Redebeitrag in der Kanzleramtsrunde herrschte nach Angaben von Teilnehmern ‚betretene Stille‘. Die Kanzlerin habe sich eine Notiz gemacht und versprochen: ‚Darum müssen wir uns kümmern‘.“ Der lästige Jude mit seinen Ressentiments gegen Araber konnte gehen.

Am 1.11. gewann ein antisemitischer Fanatiker und Förderer des IS die Wahlen in der Türkei triumphal mit fast 50 Prozent – von den in Deutschland abgegebenen türkischen Wählerstimmen bekam er sogar 60 Prozent. Doch niemand interessierte sich für die Kleinigkeit, dass gut 200.000 in Deutschland lebende Menschen sich gerade für die Vernichtung Israels ausgesprochen hatten. Seit dem 13.11.2015 allerdings wird kein Pardon mehr gegeben, seither werden Moslems bundesweit radikal geschützt und die große Jagd auf Islamophobe im Land eröffnet. Josef Schuster gab davon völlig unbeeindruckt der Welt ein Interview, das am 23.11. erschienen ist, in dem zwei Sätze stehen, die man ihm nie verzeihen wird: „Wir werden um Obergrenzen nicht herumkommen“ und: „Ist es wirklich eine Frage der Religion? Wenn ich mir die Orte und Länder in Europa anschaue, in denen es die größten Probleme gibt, könnte man zu dem Schluss kommen, hier handele es sich nicht um ein religiöses Problem, sondern um ein ethnisches.“ Jeder weiß, was Josef Schuster gemeint hat, und jeder weiß, dass es stimmt: Die Bewohner islamischer antisemitischer Kleinstaaten in den Pariser Banlieues oder in Brüssel, in Malmö oder Rotherham definieren sich genauso religiös wie ethnisch – in der Regel arabisch und islamistisch, manchmal auch pakistanisch und islamistisch. Sie haben es nicht im Blut, aber sie verstehen sich als Blutsbrüder und vertreiben alle, die nicht mittun wollen oder können, und herrschen denen, die nicht fliehen können, den Status des Dhimmi auf. Und auch darin hat Schuster recht: Gar nicht die angeblich erschöpften Aufnahmekapazitäten in Deutschland, sondern der Unwille, arabischen Einwanderern westliche Verhaltensformen abzuverlangen, wozu auch eine israelfreundliche Haltung zählen müsste, macht sein Plädoyer für die Festlegung von Obergrenzen sehr gut nachvollziehbar.

Doch was Schuster zur Diskussion stellte, geht gar nicht im Land des Willkommens mit seinem erstarrt freundlichen Gesicht. Höchste Zeit also, die Bluthunde von der Kette zu lassen. Einen kennen Bahamas-Leser schon aus dem Editorial der Nr. 69. Diesmal durfte der schwule Neuköllner Rabbinerschüler Armin Langer auf Taz-online vom 23.11.2015 den islamophoben Juden heimleuchten: „Es gab in Deutschland bisher genau zu benennende Kräfte, die sich für Obergrenzen bei Geflüchteten aussprachen: die rechtspopulistischen Parteien AfD und CSU sowie die Pegida-Bewegung. Letztere besteht aus Rassisten, die sich als besorgte Bürger ausgeben. Nun ist auch der Zentralrat der Juden Mitglied in dieser ominösen Gesellschaft. Das ist traurig, davon müssen sich die Juden Deutschlands distanzieren, oder etwa nicht? Vergessen wir das idyllische Bild eines Zentralrats, der sich für die Unterdrückten dieser Welt einsetzt, der sich dem wichtigsten jüdischen Gebot, der Nächstenliebe, verbunden fühlt. Seien wir ehrlich miteinander: Mein Vorschlag wäre, dass sich der Zentralrat der Juden zum Zentralrat der rassistischen Juden umbenennt. Die Frage lautet dann: Wer wird uns, antirassistische Juden, vertreten?“ Die Taz hat damit Jacob Augstein das Stichwort geliefert, der am 7.12.2015 in einem Spiegel-Kommentar zum Wahlsieg des Front National die Causa Schuster, die eine Causa Israel ist, auf der Höhe der deutschen Flüchtlingskrise als jüdisch-faschistische Bedrohung brandmarkte: „Man hat bei AfD- und Pegida-Demonstrationen im schwarz-rot-goldenen Meer der Deutschlandfahnen auch schon das fröhliche Weiß-Blau der israelischen Flagge gesehen. […] Die offizielle Linie der AfD hat kein Problem mit Israel – warum auch: So rechts wie die deutschen Rechtspopulisten ist die Regierung von Benjamin Netanyahu allemal. Vor allem aber eint die israelische Politik und die AfD die – vorsichtig formuliert – kritische Haltung gegenüber dem Islam. Offenherzig konnte die heutige AfD-Chefin Frauke Petry im August 2014 bekennen: ‚Die AfD ist ganz klar gegen Antisemitismus, vor allem auch gegen den neu importierten Antisemitismus in Deutschland‘.“ Augstein, der übelste Hetzer in einer beispiellosen Kampagne gegen die Juden in Deutschland, endete mit dieser an Niedertracht kaum zu überbietenden Tirade: „In einer furchtbaren Wiederkehr des Vergangenen werden hier ‚ethnische‘ Kategorien plötzlich herangezogen zur Herabsetzung sozialer und kultureller Differenz. Europa erlebt eine völkische Revolution. Sie erobert und verändert den Kontinent so, wie es einst der Liberalismus tat.“

Und er bleibt als Sieger zurück. Denn aus Angst, mit Rechtspopulisten in einen Topf geworfen zu werden, schweigt man lieber, obwohl man ahnt, dass hier kein Tabu- sondern ein Dammbruch stattgefunden hat. Das gilt auch für die Mehrheit der israelsolidarischen Landsleute, die Schuster als Person gegen Anfeindungen in Schutz nehmen, aber seinen klugen Bemerkungen über ethnisch reine Ganglands und Obergrenzen gerade nicht beipflichten. ,Sind wir nicht irgendwie alle Antirassisten?‘ – fragen sie sich. Ist „arabischstämmiger Antisemitismus“ nicht eine „ethnische Kategorie“, vulgo rassistisch? – fragen sie sich mit Augstein. Was eine „Herabsetzung sozialer und kultureller Differenz“ sein soll, wissen sie genauso wenig wie der Analphabet vom Spiegel, aber dass so etwas irgendwie nicht gut sein kann, das haben sie tief verinnerlicht. Die Grenzen sind offen – in jeder Hinsicht.