Editorial 82

Editorial Nr. 82
Inhalt

Ein sogenanntes „Unwort“ war vor 1991 unbekannt und taucht seither nur in Verbindung mit einer „sprachkritischen Aktion“ auf, die zunächst von der Gesellschaft für deutsche Sprache betreut wurde und seit 1994 von einer selbsternannten Jury weiterverfolgt wird, die aus vier Professoren für Sprachwissenschaft und dem stellvertretenden Chefredakteur der Frankfurter Rundschau Stephan Hebel besteht. Diese fünf Sprachkritiker glauben fest daran, dass der unreflektierte Gebrauch nicht etwa der Sprache, sondern bestimmter Wörter einen zum Unmenschen machen könnte und verurteilen jährlich unter großem Pressecho die Verwendung von Wörtern wie Börsenguru, Bad Bank, Gutmensch und 2018 Anti-Abschiebe-Industrie. Hielten sie es mit der deutschen Sprache, dann hätten sie 2018 statt in Propaganda zu machen (der Begriff Anti-Abschiebe-Industrie stelle „ein Anzeichen für die sich nach rechts verschiebende Diskussionskultur in Deutschland dar und rufe falsche [!] Assoziationen hervor“, Spiegel online, 15.1.2019), die Einlassung „ich bin wegen Auschwitz in die Politik gegangen“ nicht als Unwort, sondern als Lüge denunzieren müssen. Denn auch in sprachlich korrekter Fassung, auf die der Urheber nicht gekommen ist, nämlich „ich bin in die Politik gegangen, damit Auschwitz nicht noch einmal sei“, kann die Phrase nicht über die zynische Unaufrichtigkeit gepaart mit gespreizter Wichtigmacherei des deutschen Außenministers hinwegtäuschen. Vier Professoren, die sich von einem Journalisten anführen lassen, über den sein Buchtitel aus dem Jahr 2017, Mutter Blamage und die Brandstifter, schon alles sagt – diese Hilfsstaatsanwälte des gesunden Volksempfindens, das im Leitartikel zu Hause ist, ermitteln gegen „unwortverdächtige“ Formulierungen, die „gegen das Prinzip der Menschenwürde", oder der Demokratie verstoßen und vor allem „einzelne gesellschaftliche Gruppen diskriminieren, z.B. durch unangemessene Vereinfachung oder Pauschalverurteilung.“ (Selbstdarstellung, zitiert nach Wikipedia)

Und doch: Einmal, im Jahr 2014, als sie das Wort Lügenpresse zum Unwort des Jahres erklärten, haben ausgerechnet sie das Betriebsgeheimnis der Bundesrepublik Deutschland ausgeplaudert. Nach den üblichen Hinweisen auf den Gebrauch des Wortes auch durch die Nationalsozialisten und der obligaten Warnung vor Pegida konstatierten sie ein Jahr vor dem deutschen Helfersommer: „Dass Mediensprache eines kritischen Blicks bedarf und nicht alles, was in der Presse steht, auch wahr ist, steht außer Zweifel. Mit dem Ausdruck ‚Lügenpresse‘ aber werden Medien pauschal diffamiert, weil sich die große Mehrheit ihrer Vertreter bemüht, der gezielt geschürten Angst vor einer vermeintlichen ‚Islamisierung des Abendlandes‘ eine sachliche Darstellung gesellschaftspolitischer Themen und differenzierte Sichtweisen entgegenzusetzen. Eine solche pauschale Verurteilung verhindert fundierte Medienkritik und leistet somit einen Beitrag zur Gefährdung der für die Demokratie so wichtigen Pressefreiheit, deren akute Bedrohung durch Extremismus gerade in diesen Tagen unübersehbar geworden ist.“ (www.hintergrund.de-2015/09-pressemitteilung_unwort2014)

Islamisierung des Abendlandes meint, in weniger pathetische Worte gefasst, die ungehinderte Ausbreitung des Islam in Europa durch die politisch geförderte Masseneinwanderung bekennender Sunniten und die Radikalisierung der schon vorhandenen islamischen Milieus, was zur Herausbildung einer aggressiven Gegengesellschaft führt, die auf die Eroberung des öffentlichen Raums ausgeht. Wer davor warnt, wird nicht umhinkommen, die führende, ja anstiftende Rolle der Medien beim Vertuschen und Weglügen einer fatalen gesellschaftlichen Entwicklung anzuprangern. Er muss auch konstatieren, dass sich die Medien, angeführt von der Qualitätspresse, schützend vor die Exekutoren einer unheimlichen Politik stellen und ganz ungeniert und pauschal jeden als Gefährder der Demokratie denunzieren, der sich um eine sachliche Darstellung auch nur der Zahlen und Fakten bemüht. Die Agenten einer sogenannten vierten Gewalt liefern der Legislative schon seit Jahren die Handlungsanweisungen, setzen die Exekutive dem Faschismusverdacht aus, wenn sie ihrer Arbeit nachgehen will und wissen unter den Richtern und Staatsanwälten eine Mehrheit von gläubigen Abonnenten auf ihrer Seite. Dass sich diese aufs Lügen, Drohen und Menscheln eingeschworene Gemeinschaft zur am meisten diskriminierten gesellschaftlichen Gruppe erklärt, die wegen unangemessen vereinfachender Pauschalverurteilung mit dem Schlimmsten rechnen müsste, das nennt man Täter-Opfer-Umkehr.

Lügen für die Islamisierung des Abendlands geht im Hochsommer 2019 so: „Auch der Berliner Metropolenforscher Wolfgang Kaschuba findet eine Schwimmbadpolizei ‚unsinnig‘, wie er sagt. Und er widerspricht der These mancher Kommentatoren, dass vor allem junge Migranten für die Probleme sorgten. ‚Es betrifft alle‘, sagt er. In seinen Augen ziehen Bäder heute im Unterschied zu früheren Jahrzehnten Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten und Altersklassen an. Angesichts der individualisierten Lebensstile seien so natürlich auch mehr Reibungsflächen entstanden, sagt der Kulturwissenschaftler. ‚Das Schwimmbad verändert sich mit der Gesellschaft.’“(Tagesspiegel online, 15.7.2019) Weit stärker verfolgt als der Herr Kaschuba wird Doris Akrap von der Taz, die gerne als deutsch-kroatische Journalistin bezeichnet wird, mithin als Migrantin dazu berufen ist, ein wenig entspannter über Missgeburten und andere Muschis zu plaudern als die biodeutschen Kollegen. „Als kürzlich das gefährlichste Freibad der Hauptstadt geräumt wurde – ich kam gerade aus dem zweitgefährlichsten –, fuhr ich mit dem Fahrrad an den Menschenschlangen vorbei, die gerade geordnet das Bad verließen. Ich klingelte, weil ich einen kleinen Jungen, der mit riesiger Sporttasche mitten auf dem Fahrradweg lief, vorwarnen wollte, dass ich weder absteigen wollte noch rechtzeitig bremsen können würde. Er rief: ‚Fick dich, Missgeburt.‘ Ich rief: ‚Das ist ein Fahrradweg.‘ Er rief: ‚Geh schwimmen, du Muschi!‘ Ich musste laut lachen. Gut gekontert. So eine Schlagfertigkeit lernt man nur im Freibad. No-go-Area, gefährlicher Ort, Brennpunkt – das Freibad wird mal wieder zum Ort schlimmster Barbarei erklärt. [...] Dabei ist das Freibad eine Errungenschaft, die für die Demokratie mindestens so wichtig ist wie das Parlament. Und weder ist das Freibad noch die Demokratie ein Ponyhof. […] Das Freibad ist kein Stuhlkreis und keine gated community (kursiv im Original, die Red.), kein Naherholungsgebiet und kein Fitnessstudio. Es geht hier nicht um Naturerlebnis und auch nicht um sportliche Ertüchtigung. Das Freibad ist einer der wenigen Orte, an dem Klassen schon an der Kasse nivelliert werden.“ (Taz, 13.7.2019) Die Klasse an der Kasse klingt fetziger als Klassenunterschiede, die angeblich an der Kasse nivelliert werden, aber deutsch ist es eben nicht. Sie will auch gar nicht Deutsch schreiben, sondern den Lesern zurufen: Habt Euch nicht so, ihr überempfindlichen bildungsbürgerlichen oder sonst schwächlichen Mehlsäcke, wir Migrantenkids von ganz unten mit unserem unnachahmlichen Vaterwitz werden Euch schon heimleuchten und zwar ganz demokratisch, denn im Schwimmbad stellen wir die Mehrheit, da bestimmen wir!

Akraps Problem bleibt der authentische Sprachort – als Kroatin kann sie schwerlich die besondere südliche Lebensart des islamischen Kulturraums nachempfinden. Lamya Kaddor, jene Moslemschwester und gerichtsfeste Lügnerin, die eine infame Kampagne gegen Necla Kelek vom Zaun gebrochen hatte und schon deshalb die Schulbücher für Islamkunde verfassen darf, schrieb am 19.7.2019 auf T-online, der reichweitenstärksten Nachrichten-Website Deutschlands, folgende, an Akrap geschulten Einsichten über das südliche Temperament von Jungen und Jungmännern zusammen, die wissen, dass mit Muschis ausgestattete Menschen Missgeburten sein müssen: „Geselligkeit ist typisch für eine südländische Lebensart. Das überträgt sich auf viele Jugendliche. Sie machen ihr Ding gerne in größeren Gruppen – auch ins Freibad gehen. […] Der Anblick von Frauen und Männern, spärlich bekleidet in Badehose, Badeanzug oder Bikini, lässt Hormone aufkochen, löst Balzgehabe und Hahnenkämpfe aus. Verliebte Pärchen, innig verschlungen und küssend auf ihren Badetüchern, wecken sexuelles Verlangen. Freibäder sind da ähnlich wie Diskotheken, wo es ebenfalls um gutes Aussehen und das Präsentieren des eigenen Körpers geht, was andere wiederum animiert. Wenn dann noch Alkohol oder Drogen konsumiert werden, kocht das Blut leicht mal über. So weit, so normal.

Solche Verhaltensmuster lassen sich in einer pluralistischen Gesellschaft keiner Gruppe von Menschen fest zuschreiben. Auch wenn es den Anschein hat, die einen seien mehr als die anderen davon betroffen, wäre es falsch, die Ursache zu kulturalisieren und das Phänomen zum Migrantenproblem zu erklären. Menschliches Verhalten lässt sich nie eindimensional begreifen. Südländisches Temperament ist nicht automatisch gleichzusetzen mit Geringschätzung von Frauen, nördliches nicht mit Wertschätzung von Frauen.“ Im Übrigen gilt: „Jeder, der hin und wieder ein westfälisches oder rheinisches Schützenfest besucht hat ...“.

Auch Michael Blume, der Beauftragte des Landes Baden-Württemberg gegen Antisemitismus ist ein Mann der Medien, der „zum christlich-islamischen Dialog mehrere Kabarettstücke und ein Theaterstück geschrieben hat, das auch im europäischen Ausland gespielt und in mehrere Sprachen übersetzt wurde“ (Wikipedia). Natürlich ist auch er wegen Auschwitz in die Politik gegangen und schon daher der Lügenpresse eng verbunden. In einem Multitalent, über den „der Hörfunkjournalist Andreas Malessa 2019 eine biographische Erzählung mit dem Titel Eine Blume für Zehra, veröffentlicht hatte, in der er Blumes humanitären Einsatz würdigt und die Herausforderungen seines interreligiösen Lebens mit seiner heutigen Frau Zehra in der schwäbischen Provinz schildert“ (ebd.), steckt mehr als ein trockener Referent. Er nahm Lamya Kaddor beim Wort, die geschrieben hatte, dass es „im Freibad, insbesondere an richtig heißen Tagen über 30 Grad, wenn Schwüle und Hitze ganz allgemein die Gereiztheit mancher Menschen steigert, Becken und Liegewiesen heillos überfüllt sind, vorkommt, dass erzieherische Vorgaben oder sozialisierte Verhaltensweisen stärker zum Ausdruck kommen.“ Ist es denn ein Zufall, so fragte der Blume seine Zehra, dass einige unangemessen aufgeregte Äußerungen über Juden von bestimmten Männern mit südlichem Temperament gerade jetzt in Zeiten des Klimawandels fallen? Ist es nicht so, dass bei ihnen eigentlich längst überwundene Vorurteile deswegen zum Ausbruch kommen, weil „die Hitzepeitsche“ (Focus), die bekanntlich von Menschenhand geschwungen wird und den Libanon und die palästinensischen Autonomiegebiete genauso heimsucht wie uns hier im Norden, die Menschen völlig aus der Bahn wirft? Müssen wir deshalb nicht vor allem für die Dekarbonisierung kämpfen? Sie wird ihm froh die Hand gedrückt haben, die Zehra, und der Mann an ihrer Seite schrieb in einem Zug nieder, was er für seine Kabarett-Programme aus tausend Leitartikeln auswendig gelernt hat. Der 62-seitige Bericht des Beauftragten der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus, der gerade erschienen ist, endet so: „Wenn wir den Antisemitismus global und glaubwürdig bekämpfen, für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit einstehen wollen, dann muss dies auch stärkere Anstrengungen für die Wende zu erneuerbaren Energien und die Dekarbonisierung bedeuten. Die Verfeuerung fossiler Rohstoffe vergiftet nicht nur Umwelt und Klima, sondern verformt auch Gesellschaften, Staaten und religiöse Lehren ins Autoritäre.

Ein ehrlicher Bericht zum Antisemitismus darf daher nicht nur die lokalen Herausforderungen thematisieren. Er muss darüber hinaus unsere eigenen, wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeiten und daraus resultierenden Widersprüche benennen. Gleichzeitig droht schon die Ausweitung neuer Abhängigkeiten etwa bei Seltenen Erden oder Coltan. Zwar gehören Energie-, Umwelt-, Forschungs- und Wirtschaftspolitik nicht zum Gestaltungsbereich des Beauftragten gegen Antisemitismus. Aber es steht ihm zu, auf die große Bedeutung dieser Themen hinzuweisen und für mehr ‚vernetztes Denken‘ in Politik und Gesellschaft zu werben. […] Mit jedem Schritt zur Dekarbonisierung, der Förderung erneuerbarer Energien, von Bildung und der Verbesserung von Recycling können Akteure in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft nicht nur den Umwelt- und Klimaschutz fördern, sondern auch Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Frieden und die Überwindung antisemitischer Propaganda. Idealerweise können wir baden-württembergisches Engagement mit globaler Verantwortung verknüpfen und auch damit für eine Welt mit weniger Zerstörung, Hass, Antisemitismus und Rassismus wirken.“