Editorial 86

Editorial Nr. 86
Inhalt

Das Neue Deutschland (ND) wird in geradezu zwanghafter Weise von dem im April 1991 aufgelösten Kommunistischen Bund (KB) umgetrieben. Ob es daran liegt, dass der KB-Kader Jürgen Reents von 1999 bis 2012 dort Chefredakteur war, Andrea Gysi, geborene Lederer, vom KB-Nürnberg für die PDS von 1990 bis 1998 im Bundestag saß, genauso wie Ulla Jelpke vom Hamburger KB von 1990 bis 2002 und seit 2005 bis heute für die Linkspartei, − man weiß es nicht so genau. Schon vor neun Jahren, am 16.11.2011, war es einem Gaston Kirsche wichtig, ausführlich über den 40. Geburtstag einer Zeitschrift zu berichten, die als Arbeiterkampf begonnen hatte, als AK weitermachte und seit 1992 ohne Organisation im Hintergrund als Analyse & Kritik erscheint, deren Redakteure aber das Kürzel AK weiter verwenden: „Nach einer Umbenennung in Analyse & Kritik war und ist die Zeitung weiterhin ein wichtiges Medium für radikale Linke – nur eben ohne die Minderheit, die sich Gruppe K nannte und das Zirkular Bahamas herausbrachte. Das blieb aber ein kurzes Intermezzo. Ende 1995 war die Luft raus, die Hamburger Redaktion der Bahamas löste sich auf und übergab den Titel einer Berliner Gruppe, die daraus etwas entwickelte, was mit dem Zirkular aus Hamburg nur mehr den Namen gemein hat.“ Kein Mensch und schon gar kein an größeren Zusammenhängen wie dem Realsozialismus interessierter ND-Leser, vom damaligen Chefredakteur Reents abgesehen, kann das verstanden haben, wirklich wichtig ist es ohnehin nicht. Aber richtig ist schon, dass mit „einer Berliner Gruppe“ die Leute gemeint sind, die das Blatt beginnend mit der Ausgabe Nr.18 seit exakt 25 Jahren mit vielen anderen, die später dazu gekommen sind, herausgeben. Und richtig ist auch, worauf wir schon ein wenig stolz sind, dass die Bahamas und ein längst vergessenes Zirkular aus Hamburg nur den Namen gemein haben. Anders als die Zeitschrift AK ist die Bahamas auch kein Medium für radikale Linke, sondern vielmehr eine Handreichung zur Befreiung aus diesem Zwangs- und Solidarzusammenhang.

Im ND vom 15.9.2019 schrieb Sebastian Bähr über die „digitale Transformation“ des AK: „Etwa 5.000 Abonnenten schätzen die bewegungsnahen Analysen und das politische Selbstverständnis selbst in analoger Form.“ Und wieder wird die Geschichte einer K-Gruppe und ihrer Zeitschrift breit erzählt; und wieder kommen wir darin vor, nunmehr aber nicht mehr als ominöse Berliner Gruppe, die das Erbe eines nah an der Bewegung textenden Zirkulars aus Hamburg unkenntlich gemacht hat: „Die Mehrheitsfraktion formte aus dem Arbeiterkampf die Debattenzeitung Analyse und Kritik, die Minderheitsfraktion gründete die antideutsche – und mittlerweile nach rechts abgedriftete – Zeitschrift Bahamas.“ Am 3.10.2020 ging es schon wieder los: Diesmal nahm Christof Meueler den Nationalfeiertag zum Anlass, im ND unter dem Titel „Eins teilt sich in zwei. Zur deutsch-deutschen Vereinigung spaltete sich der Kommunistische Bund“, einen Artikel zu lancieren, in dem exakt das Gleiche steht, wie davor in den Texten von Kirsche und Bähr. Darin heißt es über uns: „AK und Bahamas gibt es noch, aber anders. Die Gruppe K löste sich 1995 auf, weil sie nicht mehr wusste, was es noch für sie zu tun gab. Sie wollte die Linke größer machen und nicht kleiner. In der Opposition. Allein unter Deutschen“. Dass wir in strikter Opposition zu Deutschen stehen, welche die Linke größer und nicht kleiner machen wollen, ist wohl wahr, aber wen zum Teufel interessiert das unter den Lesern des ND?

Unter einer Werbung für den „großen Olli-Schulz-Weihnachtskalender“ stehen im ND vom 14.12.2020 ernste Worte „über uns“, die ein wenig Licht auf die hartnäckige Beschäftigung mit den Hinterlassenschaften einer westdeutschen K-Gruppe werfen: „Neben dem Hauptgeschäft Erstellung und Vertrieb der Zeitung engagiert die Neues Deutschland Druckerei und Verlag GmbH sich seit Jahren mit leserorientierten Serviceangeboten, wie Leserreisen, Buch-, Video-/DVD- und CD-Handel, seit 2006 auch in Form eines ND-Shop im Verlagshaus. Für den Umsatz sind dies – wie der Anzeigenmarkt – wichtige Zutaten, die das tägliche Erscheinen und Überleben in einem erbittert umkämpften Medienmarkt mit garantieren helfen. Vor allem aber sieht ND den ‚Markt‘ nicht erschöpft für eine professionell gemachte Tageszeitung, die mit linkem Ideengut über den Tellerrand des journalistischen Alltags hinausdenkt.“ Wer vom „nicht erschöpften Markt“ spricht, will Umsatzeinbußen schönreden, und sehr erfreulich sieht die Zukunft einer Tageszeitung und ihrer Druckerei, die zusammen 108 Mitarbeiter beschäftigt, nicht aus. Nach einer Erhebung der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) werden aktuell inklusive E-Paper von Montag bis Freitag täglich 19.085 und an Samstagen 24.110 Exemplare verkauft.

Die Zeitschrift Analyse & Kritik scheint in Sachen Verbreitung linken Ideenguts wegen spitzenmäßiger Diskussionskultur, Null-Konfrontation und ganz viel Bewegungsbezug die Nase vorn zu haben: „Unsere Schwerpunktthemen sind Rassismus, Feminismus und Antifaschismus, Klassenkämpfe, Klimakollaps und Kapitalismus sowie soziale Bewegungen weltweit. Uns ist wichtig, dass sich das in unseren Texten widerspiegelt. Deshalb haben wir für die Artikel in der Zeitung eine Frauenquote von mindestens 40 Prozent und legen Wert darauf, auch Beiträge von Linken aus anderen Teilen der Welt zu publizieren. Und wir versuchen, an einer Diskussionskultur zu arbeiten, die nicht auf Abgrenzung setzt, sondern kontroverse Positionen miteinander ins Gespräch bringt – mit dem Ziel der inhaltlichen Weiterentwicklung der linken Bewegungen insgesamt.“ (Erklärung der Redaktion vom 11.7.2019)

Wie hat man sich die inhaltliche Weiterentwicklung der linken Bewegungen angesichts des drohenden Ökozids eigentlich vorzustellen? Einer, der sich Sal Paradise nennt, zeigt es in der AK-Ausgabe vom 27.11.2020 am Beispiel des ganzheitlichen Widerstands gegen den Autobahnausbau im Dannenröder Forst in einem Text über die flüchtige Schönheit des Waldlebens: „Dass es dieser Bewegung in der Tat nicht nur um den Erhalt des konkreten Waldes geht, macht das komplexe zwischenmenschliche Leben im Wald deutlich. Ein Compañero [!] beschrieb das als den größten Gewinn aus seiner Zeit im Wald: ‚Hier kann ich lernen, auch in heftigen Stresssituationen noch einen feinen Sinn für das Soziale zu bewahren: Wie geht es den Menschen um mich herum? Wie geht es mir? Und wie können wir uns bestmöglich umeinander sorgen?‘ [...] Das Bauen füllte den größten Teil des Tages, aber es gab selbstredend etliche Reproduktionsaufgaben zu erledigen, Workshops, Lesekreise oder Skill­shares zu besuchen oder zu veranstalten und Gitarre am Feuer zu spielen. Kurz: Es gab einen Alltag zu führen. Aber der fühlte sich nicht alltäglich an. Er stand ständig auf der Kippe, das Damoklesschwert der Räumung hing über allem, was wir taten. Diese ständige Bedrohung gab dem Leben eine seltsam flüchtige Schönheit. Jeder Kraftakt beim Bau von Strukturen wurde durchgezogen in dem Bewusstsein, dass alles bald schon wieder zerstört sein könnte. Jede Nacht am Lagerfeuer wurde genossen im Wissen darum, dass es die letzte sein könnte. Und trotzdem offenbarten sich jeden Tag neue, kleine Details, die das Waldleben lebenswerter machten: Vorhänge für das Baumhaus, kleine Kunstwerke am Wegesrand, alberne Kostüme.“

Wo beim Bau von Strukturen jeder Kraftakt durchgezogen wird, obwohl man weiß, dass anders als in der Hornbach-Werbung Tod und Vernichtung drohen, man sich also dem letzten Stahlgewitter aussetzt, bleibt eine Erfahrung zurück, die einen befähigt, fernab vom Wald inmitten der Städte ganz große Sprünge nach vorn auszuführen und statt kleinen Kunstwerken am Wegesrand eine veritable Kulturrevolution auf den Weg zu bringen. Im ND vom 3.10.2020 wurden zwei Zeitzeugen aus der Gründergeneration des KB launig zitiert: „,Wir hatten auch Sektencharakter, aber in geringerem Maße als die meisten K-Gruppen‘, erzählt Heiner Möller, einer der KB-Mitgründer 1971. ‚Wir hatten >Maoisten<, waren aber keine >maoistische< Organisation‘, sagt er. Aber wenn ein Schiff aus China im Hamburger Hafen einlief, dann ging der KB an Bord und trank mit der Besatzung Tsingtao-Bier, berichtet Knut Mellenthin, auch er war von Anfang an dabei.“ Beide sind schon lange nicht mehr an Bord und lesen den AK, den sie einst gegründet haben, wohl gar nicht mehr. Der Geist Maos und Xi Jinpings, also die ideologische Begleitmusik zur brutalen Etablierung einer autoritären Ordnung, die den Untertanen die völlige Selbstaufgabe beim permanenten Aufbau abverlangt und als Lohn die „Harmonie“ genannte totale Unterwerfung verspricht, ist in Analyse & Kritik ganz selbstverständlich zu Hause. Hören wir Matthias Merkur in AK online vom 13.12.2020: „In der Bekämpfung der Corona-Pandemie zeigt sich deutlich das Versagen der kapitalistischen Nationen des Westens. Wie Staaten der Aufgabe als ideelle Gesamtkapitalisten erfolgreich nachkommen, haben andere vorgemacht: China, Vietnam, Südkorea, Taiwan, Australien, Neuseeland sind nur einige Beispiele. In diesen Ländern werden nicht nur ‚wieder Partys gefeiert‘, auch die Wirtschaftstätigkeit ist längst auf Vorkrisenniveau angelangt, der langfristige Schutz der Kapitalinteressen also deutlich besser gelungen als in Europa. Dass man die erfolgreichen Maßnahmen in diesen Ländern hier so wenig zur Kenntnis nimmt, geschweige denn kopiert, ist Ausdruck der kolonialrassistischen Borniertheit, mit der die Länder Europas weiterhin auf den Rest der Welt blicken.“ Was immer das antitaiwanesische China im Hinblick auf westliche kolonialrassistische Ressentiments mit Australien und Neuseeland gemein haben mag, bleibt das Geheimnis des Autors, aber ein sehr robuster Gesamtkapitalist ist dieser von der kommunistischen Partei geführte Staat ganz bestimmt, was man nicht zuletzt an den ausgelassenen Partys der dankbaren Staatsbürger nach dem entschlossen geführten Kampf der Partei zur Überwindung der Pandemie erkennen kann. Bewegungslinke, die zu dergleichen Zynismus fähig sind, haben schon noch ein bisschen mehr im Angebot, als einem widerwärtigen Regime die Reverenz zu erweisen. Sie denken chinesisch und kommen unter Verweis auf eine Kronzeugin von Rang zu ganz ähnlichen Erwartungen an die Zukunft wie der Vorsitzende Xi Jinping: „Vielleicht wird die Corona-Pandemie in Zukunft einmal als Anfang vom Ende der westlichen Dominanz der Welt erinnert werden, schrieb die Philosophin Bini Adamczak auf Twitter.“ (ebd.)

Es sind gerade diese betont sensiblen Leute, die sich in ihren Baumhütten dauernd fragen: „Wie geht es den Menschen um mich herum? Wie geht es mir? Und wie können wir uns bestmöglich umeinander sorgen?“ (Sal Paradise) und die den Chinesen schamlos für ihre Menschenschinderpolitik applaudieren: „Für eine linke Debatte über Möglichkeiten der Pandemiebekämpfung heißt das aber nicht, dass nur ein besser geführter [!], konsequenter handelnder [!!] Staat die Dinge richten könnte.“ (ebd.) Nein, von China lernen heißt über China hinauswachsen und selbstverwaltet von unten die großen Verbote sich auszudenken und irgendwann umzusetzen, auf dass nichts mehr an den Westen erinnern möge. Das heißt weitergedacht auch, dass unsicheren Kantonisten noch etwas zackiger, als der große Bruder im Osten das tut, heimzuleuchten sei: „Wenn man darüber nachdenkt, wie eine in Räten organisierte Gesellschaft Maßnahmen zur Infektionsbekämpfung in Betrieben, Schulen, Pflegeeinrichtungen oder dem öffentlichen Transportwesen erproben und miteinander abstimmen könnte, sind noch ganz andere Erfolge bei der Bekämpfung von Pandemien vorstellbar. […] Die Frage, wie eine Gesellschaft mit den Toten umgeht und wie viel Leid sie akzeptiert, ist auch eine Frage des Klassenkampfes. Wenn man die Corona-Opfer schulterzuckend zur Kenntnis nimmt, wird im Sinne der Unternehmen durchregiert. Wenn sich die Menschen umeinander kümmern und Gleichgültigkeit nicht akzeptieren, muss anders regiert werden.“ (ebd., Hervorh. Red.)

Die Redakteure dieser Zeitschrift haben nicht nur ein Gespenst der Vergangenheit vergessen, das als der oder die AK brandgefährlich mit ND, Konkret und Jungle World um die Gunst bewegungslinker Staatsfetischisten konkurriert, sondern auch den runden Geburtstag des eigenen Blattes. Vielleicht liegt das ja daran, dass sie immer noch etwas mehr vorhaben, als sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen oder sich gar von irgendwelchen Diskussionskultur treibenden Groschenjournalisten die eigene Unverbesserlichkeit bestätigen zu lassen.