Editorial 88

Editorial Nr. 88
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Deutscher Journalismus: „Am vergangenen Samstag steht eine kleine Gruppe von Menschen auf der Mönckebergstraße und hält eine Mahnwache gegen Antisemitismus ab. Laut Polizei versammeln sich gegen 14 Uhr drei bis vier Personen an der Mahnwache und rufen den Teilnehmer:innen antisemitische Beleidigungen zu. Als ein 60 Jahre alter Mahnwachen-Teilnehmer die Personen anspricht, schlägt ihm ein Mann ins Gesicht. Der 60-jährige kommt schwer verletzt ins Krankenhaus. Der mutmaßliche Täter flüchtet mit seinen Begleitern per E-Scooter. Weil er im Fahndungsaufruf als ‚südländisch‘ beschrieben wird, nehmen in sozialen Netzwerken viele an, die Tat hätte einen muslimischen oder pro-palästinensischen Hintergrund. Die ‚Free Palestine‘-Rufe des Täters und seiner Begleiter bestärken diesen Verdacht.“ (Taz, 24.9.2021)

Wir stellen richtig: Dem angegriffenen 60-jährigen Juden waren Joch- und Nasenbein gebrochen worden; ob er die volle Sehfähigkeit seines linken Auges wieder erlangen wird, ist ungewiss. Die Kundgebung nannte sich „Mahnwache für Israel – Gegen Antisemitismus“, weshalb eine große Israel-Fahne gezeigt wurde. Die antisemitischen Beleidigungen lauteten: „Scheiß Israel“ und „Free Palestine“. Scharfe Fotos von zwei eindeutig südländischen Jungmännern und einer südländischen jungen Frau konnte man von den Kundgebungsteilnehmern sofort bekommen. All das hat Bild Hamburg am 22.10.2021, zwei Tage vor der Taz Hamburg, veröffentlicht. Der Haupttäter, Aram A. (16), hat syrische Wurzeln und lebt mit der Mutter, die regelmäßig auf Hisbollah-Demos geht und freimütig einräumt, die Familie sei „gegen Israel“, in Berlin Wedding. Besonders apart: Aram A. steht bei einer Schauspiel-Agentur unter Vertrag und spielte in einem bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigten Streifen mit dem Namen Evolution mit, in dem es um eine Familie von Holocaust-Überlebenden geht. Aram A. spielt darin den Ali, der in einer Berliner Schule den jüdischen Schüler Jonas mobbt und gegenüber seinem Klassenkameraden auch handgreiflich wird. Auch das stand in der Bild-Zeitung. (1.10.2021)

In den gleichen Frühherbsttagen, als die Faust Palästinas einen israelsolidarischen Juden ins Krankenhaus beförderte, fieberte Eva C. Schweitzer (63) dem Erscheinen ihres Buchs Links blinken, rechts abbiegen entgegen, das am 13.10.2021 im Frankfurter Westend-Verlag herauskam. Darin wird Aufklärung über „die unheimliche Allianz zwischen Neurechten, woken Antideutschen und amerikanischen Neokonservativen“ versprochen, und wirklich versammelt sie darin alles, was man gegen die Antideutschen vorzubringen gewohnt ist („sie bekämpfen sogar linke Israelis, die ihnen nicht israelfreundlich genug sind“, „nützliche Idioten des US-Imperialismus“ „Reichsbürger der früheren Linken“). Warum das nicht vor 10 oder 15 Jahren geschrieben worden ist, sondern gerade jetzt, und warum ein Kleinverlag, der 2020 den Deutschen Verlagspreis abgegriffen hat (zusammen mit 59 anderen Kleinverlagen und je 20.000 Euro Preisgeld) glaubt, damit Geld – und sei’s wiederum Preisgeld vom Staat – verdienen zu können, hängt durchaus mit Aram A. und seinem Schlachtruf „Free Palestine“ zusammen.

Zu denken geben die Einlassungen eines Zeitzeugen und Gewährsmanns der Autorin, der 2001 sogar einen Artikel in der Bahamas Nr. 36 veröffentlicht hat, ganz am Anfang des Buches: „‚Die Antideutschen, das ist Kult‘, sagt Michael Holmes, ein früherer Antideutscher mit einem amerikanischen Vater. Der Umgang untereinander sei von Wut, Intoleranz und Denkverboten geprägt, interne Kritik werde nicht zugelassen. Eigentlich ähnelten sie der Scientology-Sekte. Sogar unter den Antideutschen selbst fürchteten manche die autoritäre Attitüde. [...] Antideutsche verteidigten jeden amerikanischen Krieg. ‚Die lassen überhaupt keine Kritik zu, nicht an Guantanomo Bay, nicht am Folterknast von Abu Ghraib und überhaupt nicht an Israel‘, sagt Holmes.“ Aber Kult sind sie eben doch und mehr noch: mächtig. „‚Eigentlich gibt es gar nicht so viele Antideutsche, aber sie haben viel mehr Einfluss auf die Linke und auf die Mitte der Gesellschaft, als es ihre Zahl nahelegt‘, meint Holmes.“ Michael Holmes hat es gerade noch geschafft – vor 18 Jahren: „Aber so einfach war es nicht, auszusteigen. ‚Es gab keine offene Gewalt, aber hohen psychischen Druck, ich wurde angeschrieen und beleidigt‘, erzählt er. ‚Und nicht nur ich, auch andere, die anfingen, skeptisch zu werden. Dabei dachte ich, das wären meine Freunde.‘ Ihm gelang der Ausstieg, und danach hätten noch andere die Sekte verlassen.“

Ihren Ausstieg aus dem Zwangsverband der Antideutschen haben schon so viele öffentlich einbekannt, dass man den Verdacht nicht los wird, dass diese total persönlichen Schlüsselerlebnisse nicht ganz freiwillig präsentiert, sondern ihnen als Unterpfand für die im Austausch zertifizierte neue Glaubwürdigkeit abverlangt werden. Die Ungeheuerlichkeiten, die von dieser Sekte ausgehen und bei ungefestigten Menschen Gefahren für sich und ihre Umgebung befürchten lassen, hat die demokratische Gesellschaft wachsam werden lassen, weshalb sie vom Aussteiger ein gehöriges Maß von Reife, Selbstreflexion, mithin Arbeit an sich selbst erwarten darf. Man muss sich schon fragen lassen, ob der Bannkreis der Antideutschen wirklich dann schon hinter einem liegt, wenn es keine persönlichen Kontakte mehr zu den Protagonisten gibt. Wie sieht es dann mit der Stärke des Dogmas aus, lässt sie nach, oder hat sie den Charakter des Einzelnen so sehr durchdrungen, dass er als Ein-Mann-Sekte am Ende noch wirksamer die böse Saat streut als vorher, als man zu ihm, der sich immerhin durch Israel-Fahne und IDF-T-Shirt kenntlich gemacht hatte, leichter auf Abstand gehen konnte? Was Eva Schweitzer umtreibt, beschäftigte zeitgleich Wolfgang Krischke, der anlässlich einer Veranstaltung zu Wolfgang Pohrt, dem er „Dauerwut“ und „Menschenfeindlichkeit“ attestiert, feststellte, dieser hätte zum Teil sehr junge Fans „bei den ‚Antideutschen‘, einer Strömung, die zum einen die bedingungslose Solidarität mit Israel fordert und die zum anderen, da sie von Deutschen getragen wird, den Selbsthass als logische Existenzvoraussetzung hat.“ (FAZ, 22.10.2021) Und Diedrich Diederichsen stellte im Merkur vom 24.8.2021 sorgenvoll fest, dass aus der „Aufarbeitung der antisemitischen Dimension dieser linken Israel-Gegnerschaft“ eine „Bewegung, die sogenannten Antideutschen“ hervorgegangen wäre. „Aus dieser Bewegung sind (mindestens) zwei Flügel und dazugehörige Zeitschriften entstanden. Die ernstzunehmende, überwiegend wertvolle und unterhaltsame Arbeit leistende Jungle World und die eher durchgeknallte Bahamas.“

Die Projektionen eines Michael Holmes sind die typischen Hervorbringungen eines Renegaten, dem die selbstaufgebürdete Last, eine ungeliebte Mindermeinung zu vertreten, zu schwer geworden ist, der aber, statt diese persönliche Entscheidung auch persönlich zu treffen, und sich irgendwie einzurichten, vom Gewissenswurm geplagt wird, weshalb unter großem Gezeter alles raus muss. Nicht jedem hält eine Buchautorin den Kotzkübel hin und der Schrei nach Befreiung verhallt zumeist ungehört. Man erzählt es sich dann untereinander, obwohl es eigentlich keiner mehr hören will: Nicht wertvoll und schon gar nicht unterhaltsam seien die Antideutschen, die in Dauerwut, vulgo als Wutbürger und Menschenfeinde, ja Reichsbürger usw. amerikanische, zionistische und sonstige Geschäfte betrieben. Was interessiert uns schon Aram A., den Schauspieler unter den Nachwuchskillern, und was haben wir mit einem Grüppchen unentwegter Hamburger Israel-Freunde zu tun, das seit Jahren regelmäßig ihre Israel-Mahnwache in der Fußgängerzone abhält? Ersterer ein Krawallkid mehr, letztere altbackene Bewegungsveteranen, die sich und ihr Anliegen zum Gespött machten – uncool alle beide. Muss man darauf dauernd herumreiten, hält die Welt für uns selbstredend revolutionäre Kritiker, die wir es inzwischen gewohnt sind, auf allem, was wir als antideutsch etikettieren, herumzutrampeln, nicht Größeres bereit?

Raus wollen sie alle und nach neuen Themen, Diskursen, Formen wird verzweifelt gefahndet, seit wahlweise 20 oder 18 Jahren. Ginge es nicht ein wenig sensibler, theoretisch gehaltvoller, von unserem eigenen, vom Kapitalismus beschädigten Leben ausgehend, als in der Bahamas, wo schon „Ich“ zu sagen unter Verbot steht? Es geht nicht. Rein wollen sie alle und sich dort nützlich machen, wo ein antideutscher Hintergrund, und sei es nur ein einziger Artikel, der womöglich vor 20 Jahren unter Klarnamen erschienen ist, das frühe Aus im Bewerbungsverfahren bedeutet. Wer die Spuren rechtzeitig verwischt hat, braucht keinen Betroffenheitsbericht über die inneren Kämpfe zu schreiben, die mit dem Austritt aus der Kult-Sekte verbunden sind, aber damit wird er sein Problem nicht los. Was dieser Zeitschrift zugefallen ist, mit geringen Kräften den bösen Blick dieser Gesellschaft auf sich selbst zu repräsentieren, lässt weit mehr Leute, als es Leser gibt, nicht los. Sie hassen uns, aber halten sich auf dem Laufenden, sie gehen geplagt herum, weil sie den Zweifel nicht los werden, dass der Weg von der Hamburger Mönckebergstraße nach Berlin-Spandau so weit nicht ist, wo am 24.10.2021 niemand eine Israelfahne gezeigt hatte und doch der entscheidende Schritt getan wurde, der weit über die Untat von Aram A. hinausreicht. Am 26.10.2021 berichtete die BZ: „Ein 36-Jähriger wurde lebensgefährlich am Kopf verletzt. Ersten Polizei-Erkenntnissen zufolge sollen drei Männer gegen 22.35 Uhr in der Nacht zum Dienstag auf dem Gehweg des Altstädter Rings in Spandau auf einen 36-Jährigen zugegangen sein. Sie fordern ihn auf, laut ,Free Palestine' zu rufen. Als er das ablehnte, schlugen und traten die Täter auf ihn ein! Sie verletzten ihn dadurch lebensbedrohlich am Kopf – er verlor für kurze Zeit das Bewusstsein. Anschließend flüchteten die Männer. Der 36-Jährige kam ins Krankenhaus.“ Danach kam nichts mehr.

Aram A. und die moslemische Kiezmiliz aus Spandau spielen ihr Spiel, das man früher einmal Bürgerkrieg genannt hat, immer ungehinderter und sie meinen in erster Linie weder Israel noch Palästina, noch die Juden im Besonderen. Sie beanspruchen das Gewaltmonopol der brothers und manchmal auch sisters über den öffentlichen Raum und haben auch die richtige Parole für Dhimmis gefunden: Einmal Free Palestine rufen und für diesmal bist du nochmal raus. Die Arams und Mohammeds wissen, dass sie Gangster sind, und probieren sich an einem ihnen unbegreiflichen Souverän aus, der statt sie zu strafen vor ihnen zurückweicht. Damit haben sie auf ihre Weise gelernt, dass sie neben einer verkommenen und würdelosen Mehrheitsgesellschaft leben, deren Angehörige ihre Kinder an Halloween vor Bonbons und Keksen schützen, aber deren Zukunft längst an das Herrschaftsbegehren des Islam verraten haben. Diese häufig gar nicht wohlhabenden Mittelständler wundern sich schon gar nicht mehr, wenn der Dreijährige kundtut, was er in der Kita aufgeschnappt hat, zum Beispiel: Dieben müsse man die Hände abmachen. Sie haben Alpträume vor den realen Bedrohungen, denen ihre schon älteren Kinder beim Feiern in den Parks, auf nächtlichen Straßen oder im Gewühl vor dem Club-Eingang ausgesetzt sind, aber sie bekämpfen den zur Realität drängenden Alptraum durch fiktive und in Wirklichkeit ungeglaubte Horrorszenarien (nicht nur das eine vom Klima), die ihn vergessen machen sollen.

Die Gebildeteren unter ihnen können die über sich selbst verhängte, in Etappen verlaufende Kapitulation vor „anderen Kulturen“ nur aushalten, so lange niemand den brüchigen Glauben stört. Jeder Einwand macht sie maßlos wütend, jede Denunziation zugleich noch hilfloser. Wie ein Hausfriedensbrecher muss ihnen der antideutsche Kritiker erscheinen, der, wenn er sich auch noch organisiert äußert, in Form einer Zeitschrift zum Beispiel, ihnen nicht anders als eine Sekte erscheinen muss. Mit D. Diederichsen wissen sie, dass, wer die wertvolle und unterhaltsame Jungle World liest, es wegen der eigenen Neugier unweigerlich mit der durchgeknallten Bahamas zu tun bekommen wird und dass die Lektüre Wolfgang Pohrts, über den man zu witzeln gelernt hat, auf die gleiche Sekte verweist. Sie werden sich nicht einrichten können, solange nicht nur in Spandau sich ereignet, was dann in der Bahamas steht; denn Springer-Zeitungen, deren Redakteure ihre Beobachtungen nicht einordnen können, liest man ja nicht. Weil Hongkonger und überhaupt chinesische Verhältnisse noch fern sind, also die Aussicht auf die dort wirklich allen abgezwungenen mentalen Entlastungen vom Widerspruch unerreichbar ist, gibt es kleine Sprünge im Weltbild, durch die sich der Bahamas-Zeck Eingang verschafft.

Vorläufig, so hofft man, gibt es wunderbare Kompromisslinien: Man muss ja nicht mit Aram A. und seinen brothers vom Spandauer Altstädter Ring einer Meinung sein, ohne zugleich die berechtigte Kritik am israelischen Besatzungssystem grundlos zu verwerfen. Man könnte ja, wie im Frühjahr und Sommer 2021 in Berlin-Neukölln mehrfach geschehen, sich gegen Rassismus, Homophobie, Femizide, Kolonialismus und selbstredend jede Form von Antisemitismus positionieren und seinen Regenbogenwimpel (die Israel-Fahne musste zu Hause bleiben) neben dem Free-Palestine-Schild hochhalten. Sind wir nicht alle für Befreiung? Da müsste es doch ein Leichtes sein, demnächst in Spandau nicht nur aus Selbstschutz, sondern aus tiefer innerer Zustimmung der nächsten Islampatrouille die Parole zuzurufen: „Free Palestine!“