Editorial 87

Editorial Nr. 87
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Wenn man von einem Habilitationsstipendium in einem geisteswissenschaftlichen Fach leben muss, dann wird es eng und ein Zubrot wäre schon recht. Es spricht nichts dagegen, über Fachtagungen, bei denen man anwesend war, oder aus den dort gehaltenen und in Fachzeitschriften veröffentlichten Referaten immer mal wieder einen Artikel oder auch nur ein Artikelchen zu basteln und im Feuilleton der Qualitätspresse unterzubringen. Das Dumme ist nur, dass auf einen solchen Gedanken nicht nur der René Schlott gekommen ist, der von der Konrad-Adenauer-Stiftung finanziert bis zum 31.12.2021 eine Biografie über Raoul Hilberg abschließen will. Der akademische Nachwuchs steht teilweise schon seit über zehn Jahren mit seinen Artikelvorschlägen beim zuständigen Redakteur Schlange und muss bitter erfahren, dass immer öfter abgewinkt wird. Wie in der Universität heißt es dann lapidar, das Thema sei „überforscht“ oder, noch bitterer, dass ein anderer schon damit befasst sei.

Es geht also darum, sich beim Redakteur nachhaltig dadurch zu empfehlen, dass man dessen Vorlieben etwas gradliniger bedient als dieser es in seinen eigenen Texten für angeraten hält. Das ist dann der Punkt, an dem die Bahamas, ohne genannt zu werden, über einige Ecken ins Spiel kommt. Am Beispiel des René Schlott, der unter dem Titel „Arendt und Benjamin – Wiederkehr eines Streits“ am 14.4.21 in der Beilage „Geisteswissenschaften“ der FAZ eine Spalte untergebracht hat, die redlicherweise „Arendt und Adorno“ hätte heißen müssen, sei warnend für andere demonstriert, wie man einen faden Text an den Mann bringt: durch Propaganda, verbunden mit gezielter, karriereschädigend gemeinter Denunziation Missliebiger. René Schlott widmete sich einem alten Streit, in dessen Mittelpunkt ein Satz aus einem 1967 in der Zeitschrift Merkur veröffentlichten Artikel von Hannah Arendt steht: „Dafür geben die Briefe [Walter Benjamins, die Red.] zahlreiche Anhaltspunkte: von dem Verhalten zu seiner Familie bis zu den letzten, für ihn tödlich ernsten Konflikten mit dem Institut für Sozialforschung, von dem sein Lebensunterhalt in dauernder Ungewissheit abhing. Wenn er im April 1939 schreibt, er lebe ‚in Erwartung einer über mich hereinbrechenden Unglücksbotschaft‘, so meinte er damit nicht den kommenden Krieg, sondern die Nachricht, das Institut würde ihm die monatliche Rente nicht mehr zahlen.“ Darauf hat Adorno in der Frankfurter Rundschau vom 6.3.1968 so reagiert: „Sie möchte am liebsten aus uns, die wir ihn schließlich allein 7 Jahre über Wasser gehalten haben, seine Mörder machen.“

Wer über „tödlich ernste Konflikte“ zwischen einem Intellektuellen und seinen Geldgebern schreibt, die ihm das Visum nach den USA verschafft hatten, eines jüdischen Intellektuellen, der sich im Sommer 1940 an der französisch-spanischen Grenze aus Gründen, die mit dem Institut für Sozialforschung nichts zu tun haben, in Verzweiflung und Todesangst das Leben nahm, hat jedenfalls eine unschöne Spur gelegt. Ob es sich dabei um einen „schier unglaublichen Vorwurf“ handelte, wie Philipp Lenhard im Jahrbuch für Antisemitismusforschung, Band 28, 2019, behauptet hat, vermag die Redaktion, die seinen Beitrag nicht gelesen hat, nicht zu beantworten. Darauf hinzuweisen, dass Arendt im gleichen Text ihren problematischen Satz relativiert hat, war gegen Lenhard gerichtet der Part eines Philosophen namens Thomas Meyer (im Jahrbuch für Antisemitismusforschung Band 29, 2020), der – fast schon unvermeidlich – „eine Biografie Arendts ankündigt“ und seit über zehn Jahren im Feuilleton der deutschen Qualitätspresse sich sein Zubrot verdient, wohl weil er über den Status eines wissenschaftlichen Mitarbeiters an der Humboldt Universität nicht hinausgekommen ist. Doch ein bisschen mehr als über Differenzen zwischen Lenhard und Meyer zu berichten sollte es dann doch sein. Der Vorwurf der Mitschuld des Instituts an Benjamins Tod sei, so Schlott über Meyer, „von Lenhard nur zu einem einzigen Zweck aus selektiv ausgewählten Quellen konstruiert worden: zu einer ‚generellen Abrechnung mit Arendts Denken‘“.

Ob Lenhard das getan hat, erfährt man aus der FAZ nicht. Dort wird er lediglich mit den Worten wiedergegeben, es sei auffällig, „dass es vor allem jüdische Akteure sind, deren angebliche Schuld oder Mitschuld von ihr angeprangert werden.“ Auch „wagt“ er „die These, für Arendt ‚seien nur die toten Juden unschuldig‘ geblieben, ‚aus ihrer Perspektive bedeutete Überleben Mittäterschaft‘ und aus dieser habe man sich nur durch den Freitod entziehen können. Folglich sei Benjamin ‚schuldlos‘ geblieben, Adorno aber habe sich schuldig gemacht.“

Wie hat es der René Schlott aber mit seinem Text in die Beilage „Geisteswissenschaften“ der FAZ gebracht? Da es dort wegen der nicht abreißenden Kette von Artikel-Angeboten von Promovierenden und Habilitanden nie zur Sauregurkenzeit kommt, musste er doch irgendein Diskurshäppchen vorzuweisen haben. Und siehe da, am Ende kommt es: „Was hinter dem Streit stehen könnte, wird nicht deutlich, auch wenn Meyer, eingestandenermaßen ‚etwas ratlos‘, eine Einordnung in heutige Kontroversen versucht. Er zitiert die These des Schriftstellers Maxim Biller, dass Arendt von den Deutschen geliebt werde, weil sie scharfe Kritik am Zionismus geübt habe. Kommt in Lenhards Argumentation im Gegenzug eine ‚antideutsche Haltung‘ [bei Meyer in Anführungszeichen] zum Ausdruck, soll die Behauptung von Arendts Schuldzuweisung an die jüdischen Überlebenden ihre Kritik am Staat Israel diskreditieren?“

Warum Lenhard im Schachspiel mit Maxim Biller einen Gegenzug getan haben soll und nicht, wie die von Schlott angeführten Zitate nahelegen, mit Maxim Biller darin übereinstimmt, dass Hannah Arendts enorme Popularität in Deutschland vorwiegend ihrem Antizionismus geschuldet ist, bleibt sein Geheimnis. Die Sache mit Lenhards „antideutscher Haltung“ ist dagegen schnell erklärt. Man muss nicht lange recherchieren, um herauszubekommen, dass er, bevor er es zum akademischen Rat auf Zeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München brachte, mehrfach in der Bahamas publiziert hat – und zwar israelfreundlich und islamkritisch. Deshalb hat er sich im Jahr 2012 vom prominenten Welt-Kolumnisten Alan Posener in dessen online-Tagebuch eine ausgesprochen dumme, aber heute noch mit zwei, drei Mausklicks leicht abrufbare Schmähung eingehandelt (Bahamas goes bananas, starke-meinungen.de). Das ist zwar schon lange her und Lenhards 2019 erschienene Biografie über Friedrich Pollock wurde auch in der FAZ positiv besprochen. Aber offenbar spekuliert der neidbeißerische Schlott darauf, dass einem weit erfolgreicheren Kollegen aufgrund der FAZ-öffentlichen Verurteilung wegen antideutscher Haltung in Tateinheit mit Publikationen in der Bahamas der Vertrag nicht mehr verlängert und eine Professur verwehrt werden wird.

So viel Ranküne sei dem habilitierenden Lohnschreiber vergönnt, wenn sie zugleich zur Beförderung größerer Ziele geeignet ist. Der Abdruck von René Schlotts Text hat einen Beschluss des deutschen Bundestags vom 17.5.2019 zum Hintergrund, der nicht nur „die BDS Kampagne und [den] Aufruf zum Boykott von israelischen Waren, Unternehmen, Wissenschaftlern, Künstlern und Sportlern“ ausdrücklich „verurteilt“, sondern auch die Kulturpolitik dazu auffordert: „Es sollen keine Organisationen finanziell gefördert werden, die das Existenzrecht Israels in Frage stellen.“ Im Dezember 2020 hatte eine „Initiative GG 5.3 Weltoffenheit“ sich mutig gegen diesen Beschluss und für Freiheit der Kunst ausgesprochen, die ihnen zufolge darin besteht, mit entsprechenden Machwerken für das Recht auf israelbezogenen Antisemitismus einzustehen. Deren Initiatoren sind allesamt die Chefs staatlicher oder vom Staat hoch bezuschusster Kulturinstitutionen bzw. des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Berliner Humboldt Universität (siehe dazu die Artikel von Paulette Gensler und, bezogen auf den Generalintendanten der Stiftung Humboldtforum Berliner Schloss, Hartmut Dorgerloh, von Sören Pünjer in dieser Ausgabe).

Der Vorstoß der „Initiative GG 5.3 Weltoffenheit“ und ihre unheimliche Resonanz bei Leuten, die sich als Kulturschaffende bezeichnen ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, was man über diesen Begriff im Wörterbuch des Unmenschen lesen kann, hat einen alten Haudegen in Sachen Israelhass und Islamverharmlosung entflammt, der am 20.12.2020 twitterte: „Im Übrigen ist der ‚israelbezogene Antisemitismus‘ (als angeblich häufigste Form des Antisemitismus) erfunden worden, um Kritik am Zionismus zu skandalisieren“, und am 22.12.2020 ebenfalls auf Twitter nachlegte: „Antizionismus = Antisemitismus. Eine heute gängige Auffassung (hier aus antideutscher Quelle). An den Bundestag und die deutschen Antisemitismusbeauftragten richtet sich die Frage, ob sie sich ihr anschließen wollen.“ Eine Woche später wähnte er sich als besonnener Mann der Mitte von Extremisten von links und rechts verfolgt, obwohl er noch gar nicht wusste, dass Justus Wertmüller ihn in der wenige Tage darauf erschienenen Bahamas Nr. 86 in gemeiner Weise blamiert hatte, und schrieb: „Wenn die Antideutschen und das Haus Hohenzollern sich gegen dich zusammenschließen, muss an der Hufeisentheorie doch etwas dran sein.“ (twitter, 29.12.2020)

Der da seinen scheinbar einsamen und durchgeknallten Kampf gegen Zionisten führt, hat gegen die Antideutschen im eigenen Haus, dessen Bewohner seine ewigen Beleidigungen von Islamkritikerinnen wie Ayaan Hirsi Ali und Necla Kelek allmählich peinlich wurden, bereits Jahre zuvor eine herbe Niederlage einstecken müssen. Wo er bis 2015 als Feuilleton-Chef walten durfte, ist er, wie sein Arbeitgeber lapidar bekannt gemacht hat, „seit 1. Dezember 2016 zuständig für ‚Geisteswissenschaften‘“. Der Patrick Bahners also, von dem die Twitter-Einlassungen stammen, lässt in seiner jeden Mittwoch erscheinenden FAZ-Beilage die René Schlotts für sich tanzen, die nicht etwa unfreiwillig an den Drähten eines Marionettenspielers hängen, der ihnen am Ende noch propagandistische Statements in die Texte schreibt. Nein, sie lesen die Blödigkeiten des Angezählten, aber immer noch Mächtigen und für sie Unverzichtbaren aufmerksam und bitten recht artig darum, für ihn den Minenhund machen zu dürfen, indem sie seine Twitter-Kommentare in paraphrasierter Form in ihren Artikeln unterbringen.

Was Bahners den Lesern via René Schlott mitteilen wollte, folgt einer bekannten Dramaturgie. Ideologen, die sich zwar der Zustimmung der überwältigenden Mehrheit der Deutschen sicher sein können, aber mit wachsender Erbitterung erfahren, dass sie ihr Meinungsmonopol gegen Kritiker verteidigen müssen, die sie nicht mehr ignorieren können, verfallen in die Rolle einer gejagten Minderheit. Als der deutsche Bundestag seinen völlig zahnlosen und so auch nur gemeinten Anti-BDS-Beschluss verabschiedete, geschah das nur, weil zuvor eine viel härtere und konsequentere Beschlussvorlage von der AfD eingebracht worden war. Da man die nicht einfach nur vom Tisch fegen konnte, sondern parteiübergreifend mit einem Remake kontern musste, machten die offenen Antisemiten wegen und gegen Israel aus dem Kultursektor einen auf Parick Bahners und erklärten sich für verfolgt. Wie verwandt kommt einem die Mitteilung berufsmäßiger Jäger vor, die 14 Monate lang alle Kritiker der deutschen Maßnahmen zur Corona-Bekämpfung mit den pauschal als Nazis diskreditierten sogenannten Querdenkern in einen Topf geworfen haben und der Kriminalisierung ausliefern wollten: „Etwa 50 prominente deutsche Film- und Fernsehschauspieler und -schauspielerinnen [...], kippten unter dem Hashtag #allesdichtmachen auf Instagram und Youtube Häme über die Maßnahmen der Bundesregierung zur Eindämmung der Corona-Pandemie aus, am Donnerstagabend luden sie nahezu gleichzeitig ihre Filmbeiträge mit persönlichen Statements hoch. Die Filme folgen demselben Strickmuster: Es klingt kurz so, als unterstützten die Prominenten die Maßnahmen, doch dann driften sie ab in absurde Vorschläge und Szenarien, die die Politik der Regierung karikieren. Erzählstränge, die immer wieder in den Videos auftauchen: Die Maßnahmen sind übertrieben, alles Panikmache, und die Medien berichten nur das, was die Regierenden ihnen vorgeben. Wirkliches Mitleid mit den 80.000 Covid-Toten in Deutschland ist dagegen nicht zu finden.“ (SZ, 23.4.2021; Hervorh. die Red.)

Am Ende vom Lied, als sie feststellen mussten, dass es ihnen nicht gelingen würde, Tatort-Kommissare arbeitslos zu machen, sehen sie sich von genau diesen „Prominenten“ gedemütigt und beleidigt und werben nicht etwa für Mitleid mit 80.000 Corona-Toten, sondern für sich, die ja das Recht auf freie Meinungsäußerung verteidigen würden, wenn sie nur das berichten, was die Regierenden ihnen vorgeben, oder wie Christian Drosten gleich die von Experten wie ihm gelenkten Medien fordern. (Siehe dazu die Artikel von David Schneider und Andrea Dielle in dieser Ausgabe) Wo kulturschaffende Antisemiten gegen Israel ganz nach vorn gehen, geben an der Corona-Front die gleichen Qualitätszeitungen, die das Werk antisemitischer Künstler immer zuverlässig hochleben lassen, ihre zum Totalitarismus drängende Dauerpropaganda als antifaschistischen Widerstand gegen Staatsfeinde aus. Wo und wie Lockdownfreunde und antisemitische Avantgardisten für Kreativität und Meinungsfreiheit zusammen kommen, konnte man am 1. Mai 2021 in Berlin bewundern, wo das Unheil, das beginnend im Jahr 2003 durch die massiven Interventionen der Bahamas unterbunden wurde, wieder das Bild der revolutionären 1. Mai-Demonstration bestimmte: Palästina-Fahnen, Apartheidvorwürfe gegen Israel und garantiert aus Israel stammende Berliner Antifaschisten, die dem Spuk ihren jüdischen Segen gaben. Ein Blick auf die Bilder des Geschehens zeigt auch: Revolutionäre Antisemiten und ihre Mitläufer taten sich zwar schwer mit den „Sicherheitsabständen“, trugen aber, dankbar für den endlich wahr gewordenen Traum vom Recht auf Vermummung, diszipliniert die ihnen vom „Schweinesystem“ oktroyierte Maske.