Vortrag und Diskussion in Berlin

Freitag, den 19. Juni, um 19:00 Uhr
Chachachicas, Hasenheide 9, 10967 Berlin

Heimholung eines französischen Kameraden

Die Stunde Null des Existentialismus und die linke Auferstehung des deutschen Subjekts

Mit Magnus Klaue

Der Existentialismus in seiner historischen Erscheinungsform war nicht die Philosophie der französischen Résistance, sondern des deutschen Neuanfangs im Zeichen von Kahlschlag und Stunde Null: Radikale Trennung von allem Gewesenen, Fähigkeit zur Entscheidung, bedingungslose Annahme des Geworfenseins in eine offene Zukunft und Fanatismus für das Recht des Menschen auf seine Freiheit (Alfred Andersch) standen auf dem Programm der jungdeutschen Erneuerungsbewegung, die unmittelbar nach 1945 und nach Gründung der Bundesrepublik mit Rückendeckung der freiheitlich-deutschen Presse den Geist des Widerstands als innerstes Ethos der Wehrmachts- und Flakhelfergeneration entdeckte. Andersch, der an den jugendlichen Frontsoldaten die rücksichtslose Hingabe ihrer ganzen Person feierte, betrachtete Sartre und dessen "französische Kameraden" als Verbündete des jungen Deutschland; sogar Jean Améry wurde von Andersch für seine existentielle Unbedingtheit gelobt, lange bevor ihn antideutsche Unigruppen für sich entdeckten. Als linksrebellischer Gegenentwurf zur historisch vorbelasteten Existentialontologie, wie sie Karl Jaspers verkörperte, bot sich der französische Existentialismus der fortschrittlichen deutschen Intelligenz als kosmopolitisch-widerständige Identifikationsfigur an. Das absurde Theater Becketts, Ionescos und Adamovs dagegen, das anders als der Existentialismus bis in seine multilinguale Sprachform hinein von den Erfahrungen des Exils und der Emigration geprägt ist, wird bis heute dem Existentialismus eingemeindet, obwohl seine Autoren, zuvorderst Ionesco, aus ihrer Abneigung gegen das existentialistische Freiheitspathos nie einen Hehl gemacht haben. Ganz in diesem Ungeiste nehmen Ideologiekritiker Beckett bis heute übel, dass der Ernst seiner Stücke nicht raunend, sondern witzig ist, und bezichtigen ihn, wie schon Sartre selbst es tat, der Reaktion und Dekadenz, während über Sartres zahllose intellektuelle Infamien kein Wort verloren wird. Der Vortrag möchte, indem er die historische Ursprungskonstellation des Existentialismus in Deutschland rekonstruiert, das Absurde Becketts gegen den Fanatismus der Freiheit verteidigen.