Vortrag und Diskussion in Jena

Freitag, den 26. Juni, um 19:00 Uhr
Hörsaal 7, Universität Jena

Integration in weltbürgerlicher Absicht

Ein Plädoyer für das bürgerliche Recht

Mit Justus Wertmüller

Der Islam gehört zu Deutschland – für dieses Statement attestierte der Freitag Ex-BP Wulff und Kanzlerin Merkel kosmopolitische Beherztheit, würden sie damit doch nur die Realität anerkennen. Höchstrichterlich stimmte das Bundesverfassungsgericht in diesen Tenor ein, indem es der Beschwerde zweier muslimischer Frauen gegen deren Kündigung aus dem Schuldienst auf Grund des Tragens eines Kopftuches stattgab und feststellte, dass ein pauschales Verbot religiöser Bekundungen in öffentlichen Schulen […] gegen das Verbot der Benachteiligung aus religiösen Gründen verstoße und dass nicht nur eine abstrakte, sondern eine hinreichend konkrete Gefahr der Beeinträchtigung des Schulfriedens oder der staatlichen Neutralität ausgehen muss, um ein Verbot zu rechtfertigen. Eine Gefährdung der offenen Gesellschaft, so Volker Beck (Grüne) zustimmend, ginge nicht von Lehrerinnen und Lehrern aus, die ihren Glauben sichtbar bekundeten, sondern von jenen, die Vielfalt bekämpfen. Für die Generalsekretärin des Zentralrates der Muslime in Deutschland (ZMD), Nurhan Soykan, ist ausgerechnet dieses Urteil ein richtiger Schritt, weil es die Lebenswirklichkeit muslimischer Frauen in Deutschland würdigt (!) und sie als gleichberechtigte Staatsbürger (!!) am gesellschaftlichen Leben partizipieren lässt – als würde dieses Urteil nicht all jenen in den Rücken fallen, die nicht als gänzlich befangene Zwangsmitglieder ihrer Kulturhorde, sondern als Einzelne und Freie jenseits von volksgemeinschaftlichem Terror ihr Glück suchen wollen.

Die ganze Debatte zum Umgang mit dem Islam rührt jedoch an eine viel grundsätzlichere Frage: der Integration von Migranten und Flüchtlingen. In der Tat gibt es keinen vernünftigen Grund, Flüchtlingen die Chance auf ein besseres Leben zu verweigern, und der Parole Bleiberecht für alle! lässt sich mehr abgewinnen als Versuchen, Fluchtursachen fein säuberlich in (legitime) politische und (verwerfliche) wirtschaftliche Gründe zu trennen.

Wer A sagt – Refugees Welcome –, wird um die Frage B, nämlich die nach der Integration, nicht herumkommen, wenn es gilt, Doppelstandards nach den Maßgaben autoritärer Parallelgesellschaften zu verhindern, wofür maßgeblich, aber nicht ausschließlich, die islamischen Communities stehen. Voraussetzung dafür wäre, dass eine Gesellschaft die universellen Maßstäbe des Westens, an denen sich die Einzelnen in ihrem täglichen Leben sehr wohl orientieren, zu ihrer Sache macht und gewillt ist, diese selbstbewusst durchzusetzen. Das wäre notwendig mit der Einsicht verbunden, dass Vielfalt oder Anderssein ausschließlich als private Vorliebe und niemals als Gemeinschaftseigenschaft zu gelten hätte, die ihre Grenzen am bürgerlichen Recht erfährt. Denn so merkwürdig es auch klingen mag: In nicht revolutionären Zeiten ist der Restbestand von Vernunft, der überdauert hat, nicht auf den Demonstrationen irgendwelcher Globalisierungsgegner anzutreffen und schon gar nicht bei den Freunden der abendländischen Kultur, sondern im unpersönlichen Getriebe der Rule of Law.