Vortrag & Diskussion in Berlin

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Humboldt-Universität Berlin, den Raum geben die Veranstalter bekannt

Russlandliebe und Nationalsozialismus

Was der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt von 1939 und die Nazi-Reaktionen auf ihn über die Funktionsweise und den Charakter des NS verraten

mit Sören Pünjer

Als am 24. August 1939 der sogenannte Hitler-Stalin-Pakt unterzeichnet wurde, stand nicht nur fest, dass das deutsche Unternehmen Barbarossa am 22. Juni 1941 de facto kein unmittelbarer Überfall auf das Staatsgebiet der Sowjetunion sein konnte, sondern einer auf das von der Sowjetunion im Rahmen des Paktes annektierte Gebiet souveräner Staaten. Von nicht wenigen führenden NSDAP-Kadern wurde der Pakt nicht einfach nur als instrumentell-taktische Stärkung gegen den westlichen Erzfeind Großbritannien betrachtet, sondern als ein ehrliches Zeichen einer deutsch-sowjetischen respektive deutsch-russischen Freundschaft begrüßt, denn keineswegs galt der Russe, ob nun in seiner vorbolschewistischen oder bolschewistischen Variante, allen Nationalsozialisten als ausgemachter tugendloser Untermensch. Dass die Hochachtung für die Sowjetunion bis hin zur Russophilie ebenso Teil der NS-Ideologie war wie die Abscheu vor dem Slawen der unterworfen gehört, erklärt zum einen, warum sich Hitlers Chefideologe Alfred Rosenberg und sein Propagandaminister Joseph Goebbels bei der Sicht auf Russentum und Sowjetunion ein Leben lang spinnefeind waren. Zugleich belegt diese Feindschaft, dass nur der Antisemitismus als Kitt und Schmiermitel den Nationalsozialismus zusammen und am Laufen hielt.

Dieser Zusammenhang von Allgemeinem und Besonderen bei der Funktionsweise des NS wird vom Antifaschismus bis heute weitgehend ignoriert. So erspart man sich nicht nur, die historisch belegbare Schnittmenge von rechter und linker deutscher Liebe zu Russland bzw. der Sowjetunion überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Dass der NS ein Amalgam aus linker und rechter Ideologie war, diese historischen fest abgrenzbaren Kategorien seitdem also für Deutschland als gesprengt gelten müssen, kann unter derlei Vorzeichen ebenso kaum durchdringen wie die Tatsache, dass der nationalsozialistische Unstaat (Franz Neumann) eben nicht der auf die Spitze getriebene Nationalismus war zu dem man ihn in der Gegenwart als in Deutschland konsensuale Lehre aus der Geschichte wahrheitswidrig erklärt, um jede nationale Staatlichkeit und die mit ihr verbundene Herrschaft des Rechts als eine Art Vorstufe von Auschwitz politisch korrekt jederzeit willkürlich denunzieren zu können.

Veranstaltet von Like A Ship Between Two Icebergs: 80 Jahre Hitler-Stalin-Pakt