Programm

Bahamas-Konferenz am 6. Dezember 2014

Humboldt-Universität zu Berlin,
Unter den Linden 6, Kinosaal

Das Unbehagen in der Zivilisation

11:00 Uhr

Podium 1: Konstitutive Denkfiguren der kritischen Theorie

Uli Krug

Fragmentierte Herrschaft und moralisches Recht

Ist es die Sichtweise der Kritischen Theorie, im Recht lediglich einen kodifizierten Macht- und Gewaltausdruck sich absolut setzender Souveränität zu erblicken, die ihren faschistischen Charakter gerade darin offenbart, dass sie abstrakt-allgemeine Normen gegen das Besondere, die lebendige Vielfalt stellt? Ein Blick in die Zeitschrift für Sozialforschung wird zeigen, dass es ganz im Gegenteil ein auf moralische, biologische etc. Besonderheiten gründendes, wenn man so will: kasuistisch-intentionales Recht ist, das den Umschlag des späten bürgerlichen Staates in den nazistischen Unstaat begleitet und legitimiert hat – so jedenfalls lautet das Ergebnis der Analysen Otto Kirchheimers oder Franz Neumanns. Die Sehnsucht nach jenem Unstaat ist deshalb bis heute verknüpft mit der Sehnsucht, die abstrakte Mäßigung rechtlicher Ordnung zugunsten konkreter, moralischer Urteilsfällung zu desavouieren.

Jan-Georg Gerber

Dialektik der Klasse

Seit sich das Proletariat nicht seiner Ketten, sondern seiner jüdischen Nachbarn entledigte, verbietet sich jeder positive Bezug auf die Klasse und ihren Kampf. Daran besteht in geschichtsbewussten Kreisen kein Zweifel. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Denn der Nationalsozialismus und Auschwitz stehen weniger für das abrupte Ende jener Abfolge von Klassenkämpfen, die laut Marx die bisherige Geschichte bestimmen, als dafür, dass an der Rede von der Klasse und ihrem Kampf von vornherein etwas faul war: Der Anfang ist immer über das Resultat vermittelt.

Thomas Maul

In Verteidigung der bürgerlichen Vernunft

Der durchschnittliche Linke nach Auschwitz war und ist – ob klassisch antiimperialistisch, postmodern oder fundamental-wertkritisch gestimmt – im Denken wie in den draus folgenden meist wenigstens harmlosen Praxisformen nur noch ein von antibürgerlichen Affekten getriebener Barbar, der sein Ressentiment gegen die Aufklärung bzw. das (männliche-weiße-westliche) MWW-Subjekt inzwischen derart zu rationalisieren versteht, dass Sexismus, Rassismus, Antiziganismus, Antisemitismus, Antizionismus etc. als eine notwendige Konsequenz der bürgerlichen Vernunft gelten. Da an den antiautoritär großgezogenen autoritären Charakteren der 68er ff. jene bürgerliche Erziehung zur Zartheit vorbeiging, die den zivilisierenden, spontanen, angedrohten oder vollzogenen, elterlichen Schlag auf die Pfoten desjenigen einschloss, der da Fliegen die Flügel ausriss, ist es mitunter am bürgerlichen Staat und seiner Polizei, das Versäumte nachzuholen – wie z.B. Anfang des Jahres an der Humboldt-Uni geschehen, als es galt, eine Kant-Vorlesung gegen linke Feinde des Geistes durchzusetzen. Wussten die Autoren der Dialektik der Aufklärung noch, dass das Interesse der kritischen Theorie an der Aufhebung des gesellschaftlichen Unrechts bloß der materialistische Inhalt gerade des idealistischen Begriffs der Vernunft ist, scheint man den Zusammenhang zwischen Kants, Marx’ und Adornos Fassung des Kategorischen Imperativs heute sogar gegen so manchen Antideutschen entwickeln zu müssen.

14:30 Uhr

Podium 2: Von der Zivilisation zur Kultur

Philippe Witzmann

Genesis und Geltung

Es gibt nur eine Geschichte und in dieser Fortschritt und Regression. Wenn britische Studenten den IS nicht verurteilen, weil das islamophob und des Holocaust nicht gedenken wollen, weil das eurozentrisch wäre, dann gibt es keine Barbarei mehr. Zumindest im magischen Denken der Studenten, die diejenigen als Rassisten verfolgen, die die Existenz der Barbarei in der heutigen Welt konstatieren. Dass es durchaus noch Primitive und Wilde gibt, nicht nur in den islamischen Ganglands, sondern zunehmend und vor allem an linken think tanks wie dem Goldsmiths College in London, und dass die Kultur des Händeabhackens nicht ihrer Kritik gleichzusetzen ist, wird unter Rückgriff auf die kulturkritischen Schriften Sigmund Freuds darzulegen sein.

Magnus Klaue

Die Kulturalisierung des Inzesttabus als Zurücknahme des Zivilisationsgebots

Die Empfehlung des Deutschen Ethikrats an den Gesetzgeber, den Inzest zu legalisieren, ist kein begrüßenswerter Aufruf zur Trennung von Recht und Moral, sondern der jüngste Beitrag zur Selbstdemontage des Rechts im Namen eines Kulturalismus, der die Zivilisation als unberechtigterweise hegemonial gewordene Kultur denunziert. Wie die Relativierung des Inzesttabus sich seit der kulturalistischen Ethnologie Claude Lévi-Strauss’ verallgemeinert hat, weshalb das Inzesttabu nicht der Unterdrückung individueller Lust, sondern deren Ermöglichung dient, indem es den Menschen gebietet, die Bindungen von Familie und Clan zu überschreiten, und weshalb es solcherart Recht konstituiert, statt es zu unterhöhlen, soll der Vortrag zeigen – und zugleich darstellen, weshalb die Demontage des Inzestverbots adäquater Ausdruck einer Gesellschaft ist, in der die erodierte Kleinfamilie durch Integration von Freunden, Verwandten und Kollegen zur emotionalen Betriebsgemeinschaft expandiert.

Clemens Nachtmann

Negation und Kritik: fundamentale Kategorien der Neuen Musik

An der Kunstform Musik lässt sich exemplarisch zeigen, dass alle moderne Kunst sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts in einem nominalistischen Zustand und d.h: in einem essentiell und unaufhebbar kritischen und negativen Verhältnis zu all ihren Bestimmungen im einzelnen und damit zu sich selbst und ihrem Begriff befindet. Keine allgemeine Bestimmung gilt in ihr mehr selbstverständlich oder unbefragt – und doch verweisen noch die hermetischsten und individuiertesten Kunstwerke in ihrem Material, in ihren Verfahrensweisen und vor allem in ihrer Verbindlichkeit beanspruchenden Form unabdingbar auf Allgemeines. Die Frage aller Musik, die Adorno im Beethoven-Buch formuliert: wie kann ein Ganzes sein, ohne dass dem Einzelnen Gewalt angetan wird ist zugleich die Frage aller modernen Kunst und, dadurch vermittelt, auch diejenige intransigenten Denkens: Sie ist der Indifferenzpunkt von Kunst und Philosophie. Und eben in der Frage nach dem Ganzen, sei es des ästhetischen oder des gesellschaftlichen Ganzen, liegt der einfache Unterschied authentischer Kunst und triftigen Denkens zu allen Spielarten der Postmoderne beschlossen.

17:30 Uhr

Podium 3: Hybris des Opfers

Felix Mauser

Opferschutz als Niedergang des bürgerlichen Strafrechts

Seit den 1980ern erfährt der Geschädigte eine stetige Ausweitung seiner Rechte im Strafprozess. Mit dem Argument das bundesdeutsche Strafrecht sei viel zu sehr auf den Täter fokussiert und vernachlässige das Opfer, erfolgten zahlreiche Änderungen der Strafprozessordnung. Die zunehmende Fokussierung auf das Opfer bedeutet nicht nur eine erhebliche Einschränkung der Rechte des Beschuldigten, sondern zeigt einen Wandel des Strafrechts, das seine Funktion als an der Tat und am Verschulden des Täters orientiertes gesellschaftliches Ordnungsrecht verliert, mehr und mehr dem Vollzug des Willens der Gemeinschaft der Feindseligen dient und damit Gesellschaftlichkeit auflöst.

Sören Pünjer

We shall not overcome: Black Power gegen die bürgerliche Gleichheit

Gemeinhin gilt Black Power als die notwendige radikale Fortsetzung des Civil Rights Movement. Die Rasse zum wichtigsten Freiheits-Kriterium zu erklären, war jedoch die Abkehr von Martin Luther Kings Traum von der universellen Farblosigkeit des Menschheitsgeschlechtes und der Rückfall hinter das bürgerliche Gleichheitsversprechen, dessen Kritik man mittels Konversion zu Antiimperialismus und Islam durch den Antisemitismus ersetzte. Black Power war eine Urszene des Antirassismus, der damals endgültig seine Unschuld verlor und seitdem der Gegenaufklärung dient. Hier konnten Rasse und Ethnie nach dem Nationalsozialismus unter Vorzeichen des Fortschrittes fröhliche Urständ feiern.

Justus Wertmüller

Die Stimmen der Völker in den Liedern ihrer Ideologen

Während als neuem Heilsbringer dem unbeugsamen kurdischen Volk gehuldigt wird, schwächelt ein anderes für Projektionen aller Art missbrauchtes auffällig. Diejenigen, deren Feinde dafür gesorgt hatten, dass ihre Vorfahren, da sie vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, zu Erde werden (Adorno), verschwinden heute ausgerechnet in den USA, wo der Antisemitismus eine so untergeordnete Rolle spielt, dass mit jüdischer Symbolik erfolgreich Waren an vorwiegend Nichtjuden verkauft werden können und jüdische Herkunft nirgends den beruflichen Erfolg hemmt. Die amerikanische Zivilisation hat, so will es vielen scheinen, ihren maßgeblichen Geburtshelfer und ständigen Kritiker letztlich assimiliert, ohne die in ihr angelegten Voraussetzungen für Auschwitz oder etwas ähnliches abzuschaffen. Zu fragen ist, ob z.B. Amerikaner, deren Vorfahren sich als Juden verstanden haben oder von ihren Todfeinden als solche bezeichnet wurden, qua Herkunft den Auftrag haben, sich der Vervollkommnung der Welt im Allgemeinen und des Fortbestehens ihrer jüdischen Community im Besonderen zu widmen. Zu fragen wäre auch, ob türkische Menschen kurdischer Herkunft, die weder auf den Halk-Önder (Volksführer) bzw. Serok (Vordenker) Öcalan stehen, noch auf unwirtliche Wüstenlandschaften an der syrischen Grenze, jetzt dem Ruf ihres Blutes folgen und Schieß Guerilla schieß, bau Kurdistan auf! brüllen müssen.

Eintritt: 10 € (ermäßigt 8 €)
Getränke und Lebensmittel werden am Veranstaltungsort angeboten.
Geeignete Räumlichkeiten für ausgiebiges Feiern stehen im Anschluss zur Verfügung. Der Ort wird auf der Konferenz bekannt gegeben.